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Auszug aus Ägypten - zum Claudius Jucker in München
Auszug aus Ägypten - zum Claudius Jucker in München
HASBonline – Hefte zur Archäologie des Mittelmeerraumes aus Bern, vol. 22, pp. 33-47, 2017
Universität Bern

In memoriam Ines Jucker
Im Frühjahr 2012 entschieden Ines Jucker und ihre Töchter, das Marmorporträt des Kaisers Claudius, das sich über 50 Jahre in Familienbesitz befand (Abb. 1–5), der Glyptothek in München zu übereignen, wo das Bildnis in der Tat auf das glücklichste eine Lücke schliesst. Das gab Gelegenheit, das Werk noch einmal in den Blick zu nehmen, sich mit seinen Eigenarten zu befassen und unser bisheriges Wissen auf seine Stichhaltigkeit zu überprüfen. Eine umfassende Kopienrecensio, die abschliessende Situierung dieses Claudius in der Gesamtüberlieferung seiner erhaltenen Porträts, ist freilich noch nicht möglich, weil bekanntlich das Corpus der Claudiusporträts noch nicht vorliegt. Doch da dem Versuch der übergreifenden Materialordnung notwendig die konkrete Beobachtung des Einzelbefundes vorauszugehen hat, beabsichtigt diese kurze Notiz, zwei Beobachtungen am und zum Claudius Jucker zur Diskussion zu stellen, die zu seiner ‘Verortung’ beitragen können.
Der eindrucksvolle Kopf ist, während er sich im Besitz von Hans und Ines Jucker befand, zweimal öffentlich ausgestellt gewesen, 1974 im Kunsthaus Zürich. und 1982/83 im Bernischen Historischen Museum., was jeweils mit knappen Katalogtexten begleitet wurde. Von den Autoren der Katalogtexte Alexander von Vietinghoff und Annekatrein Massner, seinerzeit im Abstand eines Jahrzehnts beide Schüler/Schülerin Hans Juckers, erhoffte der Lehrer sich damals den Band Claudius im Römischen Herr scherbild, wozu es nicht gekommen ist. A. von Vietinghoff durfte sich fünf Jahre nach der Zürcher Ausstellung noch einmal zu diesem Herrscherbild in der Sammelpublikation von Porträtplastik aus der Türkei äussern. und urteilte im gleichen Sinn wie zuvor. In der Frage, wo die Werkstatt des Claudius Jucker gearbeitet haben mag, kamen die genannten Autoren zu gegensätzlichen Entscheidungen, was hier erneut aufgegriffen werden soll. Ausserdem aber sehe ich – was bisher nie angesprochen wurde – Spuren, die darauf hindeuten, dass auch dieser Claudius ein ‘Palimpsest’ ist, ursprünglich ein Bildnis Caligulas war. Beschreibende Bestandsaufnahme mag versuchen, die Spuren deutlich werden zu lassen.
Der Kopf ist leicht geneigt und zur rechten Seite gewendet. Man wird ihn als Teil einer überlebensgrossen Statue verstehen müssen., eher als Einsatzkopf denn als von einer Statue abgebrochen. Der untere Halsrand ist unregelmässig gebrochen und gibt keine eindeutigen Hinweise. Der fehlende Oberkopf könnte antik in Marmor angestückt und geklebt worden sein. Der Hinterkopf, der Nacken und der hintere Teil des Halses sind unregelmässig gebrochen und zeigen keinerlei Vorbereitung für eine Ergänzung. A. von Vietinghoff vermutete, »der hintere Teil von Kopf und Hals wurde aus einem unbestimmten Grund anscheinend – wie aus einer schrägen Kante vermutet werden kann [hier Abb. 3] – mit Absicht zum Abplatzen gebracht«.. A. Massner dagegen glaubte, es seien »Hinterkopf und Nacken entweder angestückt oder aus Stuck modelliert«.. Ersteres war beim vorliegenden Zustand technisch–handwerklich nicht möglich, Letzteres ist nicht wahrscheinlich. Die Rückseite ist
Bruchfläche unnicht die Vorbereitung für eine Stuckergänzung. Auch wenn die Porträtisten mit Stuck vervollständigen wollten, wurde die Oberfläche darauf vorbereitet, so dass der Stuck Halt fand..

Wir kommen auf den Befund zurück, doch zuvor muss daran erinnert werden – längst ist es klar –, dass die Stirnhaare erhalten sind und dass die Lockenabfolge über der Stirn den Haupttypus des Claudiusporträts wiederholt. Auch die Grundzüge des Physiognomischen sind gegeben: die bewegte Modellierung der Stirn, die tiefliegenden, müden Augen, die markante Zeichnung der Falten von der Nase zu den Mundwinkeln, der verhältnismässig kleine Mund, die Verjüngung des Gesichts zum Kinn hin und dennoch das kräftige Untergesicht, das Kinn fliehend mit dem deutlichen Doppelkinn – alles dies macht das Claudiusporträt im Haupttypus aus.. Dass beim Claudius Jucker die Physiognomie in einer stilistisch anderen Gestimmtheit entgegentritt als in der Gruppe der qualitativ differenzierten stadtrömischen Wiederholungen, wird uns später beschäftigen.
Auf beiden Nebenseiten des Halses findet sich hinten neben der weggebrochenen Rückseite eine aufgerauhte, unebene Oberfläche mit Werkzeugspuren (Abb. 4–5), und links ist die Oberfläche auch ein wenig abgeplattet. In der reinen Vorderansicht (Abb. 2) ist davon nichts sichtbar, in der Hauptansicht (Abb. 1) wird der Zustand kaum sichtbar. Für A. von Vietinghoff liess das »an eine Einarbeitung in eine Togaoder Panzerstatue denken«., was nicht eben plausibel ist: Bei einer Panzerstatue wölbt sich der Bausch des paludamentums über der Schulter nicht so hoch auf, dass er den Bildhauer behindern würde, bei der normalen Toga liegen sinus und umbo noch flacher auf der Schulter, so dass man annehmen muss, A. von Vietinghoff habe an eine Toga capite velato gedacht. Doch dann müssten weitere Spuren im erhaltenen Bestand sichtbar sein. Wahrscheinlicher scheint mir, dass hier das überlange Nackenhaar eines Caligulaporträts weggearbeitet worden ist, das an vielen Porträtköpfen bis zum Hals hinunterreicht – eine ungewöhnliche, aber für Caligula charakteristische Frisur10. Es sind weitere Spuren der Umarbeitung geblieben. Die »nicht ausgearbeiteten Stellen hinter den Ohren«11 sind rechts mit dem Zahneisen, links mit dem Scharriereisen erfolgte Tilgungen einer dort zuvor vorhandenen Caligula-Frisur (Abb. 3–5). Der Eingriff erfolgte wohl auch im Zusammenhang mit der Redimensionierung der abstehenden Caligula-Ohren. Die Ohren sind nämlich für die Claudius-Ikonographie entschieden zu klein. Man vergleiche dazu die wichtigen Repliken aus der Kerngruppe des Haupttypus12 in Schloss Erbach13, Braunschweig14, Kopenhagen (Abb. 6–7)15 und Rabat auf Malta (Abb. 8–11)16. Deren Ohren fallen umgekehrt durch ihre Grösse auf. Obendrein sind die kleinen Ohren des Claudius Jucker nur grob angelegt und unfertig und stehen immer noch auffällig vom Kopf ab – nach der typischen Weise der CaligulaOhren, die sie ja auch an unserem Claudius einmal waren.
Zu den physiognomischen Charakteristika des Claudiusporträts im Haupttypus gehört nach Ausweis der massgeblichen Repliken ein kräftiger, starker Hals und ein weich modulierter Übergang von den Wangen zum Hals. Da musste für die Umschreibung des Caligula zum Claudius nicht gross verschlankt werden. Aber in eben dem Bereich vom Hals über den seitlichen Kiefern zum neuen Claudiusgesicht in den Wangen brauchte es Anpassungen. Davon blieben auf beiden Seiten im Untergesicht Werkspuren ungeglättet stehen. Ob die Abspaltung von Hinterkopf und hinterem Teil des Halses im Zusammenhang mit der Umarbeitung von Caligula zu Claudius – versehentlich oder willentlich – erfolgte oder zu einem anderen Zeitpunkt, lässt sich nicht entscheiden.
Nun also Vorderansicht, Gesichtsausdruck und stilistische Eigenart der Bildhauerwerkstatt. Die Identifizierung mit dem Kaiser Claudius ist unbestritten, aber ebenso deutlich ist, dass dieser Claudius nicht in einer stadtrömischen Kopistenwerkstatt entstanden ist. Die oben genannten Details, die in der stadtrömischen Kerngruppe die Physiognomie des Porträts bestimmen und den Gesichtsausdruck gleichsam herstellen, sind nicht selten in einer gewissen Überdeutlichkeit der plastischen Durchbildung formuliert, was den ‘Realismus’ des Claudiusporträts im Haupttypus prägt. Dagegen steht beim Claudius Jucker eine grossflächig vereinheitlichte Spannung der Formelemente. Der Mund hat die volleren Lippen, die Übergänge sind weicher, die Modellierung der physiognomischen Einzelelemente ist weniger prononciert und dadurch der Gesichtsausdruck ausgewogener. Die Brauenbögen fallen nach aussen stärker ab. Auch in der Haarwiedergabe lassen sich die Unterschiede zur Kerngruppe benennen.





Die einzelnen Haarsträhnen sind weniger deutlich herausgearbeitet. Die Lockenbündel sind flacher und stumpfer gehalten.
Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptotek I.N. 1948

A. von Vietinghoff hatte in seinen beiden schriftlichen Äusserungen den Claudius eine vermutlich kleinasiatische Arbeit genannt, aber wegen der Anstückung des Oberkopfes die Herkunft aus einer Werkstatt in Ägypten offen gehalten. Konkrete Parallelen nannte er weder für das eine noch das andere. A. Massner plädierte im Katalog von 1982/83 mit Entschiedenheit – und sicherlich bestimmt durch die Stückungstechnik – für eine Entstehung in Ägypten und zog als Beleg das Claudiusporträt in Alexandria bei17. Doch der Vergleich trägt nicht und überzeugt vielmehr vom Gegenteil, nämlich dass der Claudius Jucker nicht in Ägypten gearbeitet sein wird: »Die malerische Formbehandlung des Claudius in Alexandria lässt alle Konturen zerfliessen und sich das Knochengerüst unter der nachgiebigen, beweglich gewordenen Haut auflösen«18. Das ist weit von der Stilhaltung unseres Claudius entfernt. Auch ist die Anstückung von Porträtköpfen, die Ergänzung mit Marmorstücken oder Gipsstuck, nicht auf Ägypten beschränkt, wie exempli gratia ein 1937 in Rom gefundener Einsatzkopf des Augustus19 oder der Caligula in Kopenhagen, 1923 aus Istanbul kommend erworben20, zeigen.
Werke, die dem Claudius Jucker im formalen Habitus nahestehen, lassen sich durchaus benennen. Dazu anschliessend, doch zuvor muss erläutert werden, warum unser Kaiserporträt seit seinem ersten Auftauchen in der Schweiz 1955, als Hans und Ines Jucker es erwarben21, von der Angabe »angeblich aus Kleinasien« begleitet ist. Aus dem Auktionskatalog von 1955 stammen die beiden Informationen, dass das Porträt


sich zuvor in der Wiener Sammlung F. von Matsch befand und »angeblich aus Kleinasien« komme. Franz von Matsch (1861–1942)22, der Wiener Maler, aus einfachsten Verhältnissen herkommend, Altersgenosse Gustav Klimts und ihm fast 30 Jahre in enger Freundschaft und Ateliergemeinschaft verbunden, hatte mit seinen historistischen Gemälden grossen und frühen gesellschaftlichen und geschäftlichen Erfolg. Nicht diese künstlerischen Erfolge und das gesellschaftliche Ansehen, aber sein Vermögen konnte er über den Krieg 1914/18 und die Nachkriegswirren bewahren. Bereits um 1900 muss seine Privatsammlung beträchtlichen Umfang gehabt haben23. Doch was uns fehlt, ist die Vorstellung davon, wie diese Sammlung von Gemälden, mittelalterlichen Holzskulpturen, historischem Bronzedekor und Antiken in dem grossen Atelierbau im Wiener Bezirk Döbling arrangiert war und aufeinander einwirkte. Die Erwerbung der Juckers war begleitet von einem handschriftlichen karierten Blatt, datiert auf den 20. Mai 1925 und unterschrieben von Dr. J. (Julius) Banko (Bankó), dem damaligen Leiter der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, eine Art Miniexpertise zu dem »Claudier« in 8 Zeilen. Deren letzte lautet: »In Kleinasien gefunden«. Könnte diese Kurzexpertise aus Anlass oder zum Zweck der Erwerbung durch Franz von Matsch geschrieben sein? Und könnte es sein, dass unser Herrscherbild, zu dem wir keinen älteren Hinweis besitzen, damals in den Jahren 1924/25 erstmals im Handel auftauchte24?


In der ersten Publikation hiess es bei A. von Vietinghoff auf der Grundlage der Vorinformation »Herkunft angeblich Kleinasien«. Im Sammelband Inan – Alföldi-Rosenbaum25 dann aber »Sehr wahrscheinlich aus Nordwestanatolien«, bei A. Massner etwas zurückhaltender »Angeblich aus Nordwestanatolien«. Auf Befragen teilte die Autorin liebenswürdigerweise mit: »Einzige Quelle für die Aussage ‘angeblich aus Nordwestanatolien’ waren die Informationen, die mir Hans Jucker gegeben hat«26. Juckers Gründe für diese eingrenzende Präzisierung werden wir nicht mehr erfahren.
J. Inan und E. Rosenbaum hatten in ihren Publikationen zur römischen und frühbyzantinischen Porträtplastik in Kleinasien27 nach den antiken Landschaften Kleinasiens geordnet und damit zumindest suggeriert, man könne einzelne ‘Kunstlandschaften’ erkennen und unterscheiden. Fruchtbar wurde der Ansatz nicht28. Doch die werk stattbedingte Eigenart und Traditionsbildung in wichtigen Oberzentren wie Smyrna, Ephesos, Aphrodisias, Perge und Side wurden durch den Überblick deutlicher und gewannen durch die Neufunde der letzten 35 Jahre weiter an Profil29.
Jenseits der Werkstatttraditionen gibt es aber eine allgemeine ionisch-kleinasiatische stilistisch-formale Gestimmtheit unterhalb der Qualitätsebene jener Herrscherbildnisse ersten Ranges, die sich dem Habitus der ‘Reichskunst’, vertreten in den stadtrömischen Kerngruppen, eng anlehnen. Das ist eine Provinzialität, die nicht einfach als Provinzialismus abzutun ist. Sie äussert sich als ein konservativer Klassizismus, der die grosse, einheitliche Form vor der Liebe zum ‘realistischen’ Detail bevorzugt, die grössere Formeinheiten schätzt, wenn auch in dynamischer Gespanntheit und nicht als schlaffe Oberflächen. Die Inseln der östlichen Ägäis gehören auch in der Kaiserzeit und auch mit ihrer Porträtplastik in den kulturellen Kontext des gegenüberliegenden Festlandes. In diesem Sinn sehe ich Parallelen zum Claudius Jucker etwa in dem claudischen Privatporträt in Mytilini auf Lesbos (Abb. 12–13)30, sodann trotz des Zeitabstands bei Porträts des Tiberius, nämlich der Panzerbüste aus Ephesos in Selçuk31 oder dem Kopf in Basel »aus Kleinasien«32. Was an dieser Replik immer als »Besonderheit der Physiognomie«33 bemerkt wurde, macht den ostgriechischen Habitus aus. Schliesslich ist mit grösserem Abstand auch das Claudiusporträt in Pythagorion auf Samos (Abb. 14–15)34 zu nennen. Auch für diese Problematik erhoffen wir uns weitere Aufklärung durch die künftige Gesamtvorlage des Claudiusporträts.




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Fußnote