Miscellanea
Lesefrüchte

Die Namen auf antiken Gemmen und Kameen waren seit dem 15. Jahrhundert Thema unter gelehrten Sammlern und Liebhabern. Aber erst Adolf Furtwängler wies den Weg, anhand der Namen eine Geschichte der Steinschneider und der antiken Glyptik zu erschliessen und zwischen Künstlersignatur und Besitzerangabe im wesentlichen zu unterscheiden. Erika Zwierlein–Diehl hat darüber vor fast 30 Jahren ausführlich informiert1 und danach vor 10 Jahren den Weg der Forschung bis hin zu Furtwängler und darüber hinaus vertieft nachgezeichnet2. Teil dieses Phänomens ist es, dass seit dem 18. Jahrhundert antike Namen auch auf neuzeitlichen Gemmen auftauchen und dass antike Gemmen samt ihren Namensnennungen kopiert werden3. Und nicht immer standen diese antiken Namen auf nachantiken Gemmen mit Täuschungsabsicht4, dies muss jeweils die Einzeluntersuchung entscheiden. Das Thema wurde von Angela Berthold in einem ersten Versuch 2009 wieder aufgegriffen und der Fokus auf die beiden Steine des Gemmenschneiders Phrygillos konzentriert5, auf den verschollenen Karneol mit dem kauernden Eros (Abb. 1–2)6 und den Chalzedon mit Herakles als Sieger im Dreifussstreit (Abb. 3–4)7. Der Karneol mit Eros wurde zuerst 1760 publiziert8, der Herakles-Stein ist seit der »Mitte der siebziger Jahre« des vorigen Jahrhunderts bekannt, und 1981 wurde er zuerst publiziert9. Seit 1845 ist bekannt, dass ein Münzstempelschneider Phrygillos im späten 5. Jahrhundert v. Chr. Silbermünzen von Syrakus signierte10. Seitdem suchte die Frage, ob der Gemmenschneider Phrygillos und der Münzstempelschneider Phrygillos ein und dieselbe Person sind, nach einer Antwort. E. Zwierlein-Diehl hat vor über 20 Jahren alle Beobachtungen und Argumente zusammengetragen und sich mit Überzeugung für die Einheit der Person entschieden11. A. Berthold entwickelt in dem Aufsatz von 2009 keine erkennbare Fragestellung und gelangt folglich auch nicht zu einem Ergebnis (»Phrygillos war … ein griechischer Stempelschneider … Ob er gleichzeitig als Gemmenschneider tätig war, kann heute nicht mehr entschieden werden«12).
In ihrer Dissertation, 2013 publiziert, nimmt sie anders und prononciert Stellung und erklärte beide Phrygillos-Gemmen zu neuzeitlichen Arbeiten13. Die Argumentation erfolgt ausschliesslich ex negativo mit der Begründungsrichtung, dass die formale, stilistische Gestaltung antiker Formgebung widerspreche. Ein positives Indiz für Fälschungsabsicht oder nachantiken Ursprung wird nicht geliefert. Also zuerst der Erodes Phrygillos (Abb. 1–2): Er müsste, wenn er nicht antik ist, vor der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden sein, also zu einer Zeit, als ein Lorenz Natter (1705–1763) seine frühklassizistische Formensprache entwickelte14. Die zahlreichen Gemmenschneider der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts und des früheren 19. Jahrhunderts, die sich in der Nachahmung der Antike gegenseitig übertrafen, waren zumeist noch nicht einmal geboren. Die Haltung des am Boden kauernden Eros ist ein charakteristisch und genuin antikes Motiv, für das einem Imitator ein konkretes Vorbild zur Verfügung gestanden haben müsste. A. Berthold nennt ausführlich die antiken Parallelen in der Glyptik, auf Vasenbildern und attischen Grabreliefs15. Nichts davon war im 18. Jahrhundert schon bekannt16! Eros als Kleinkind lässt A. Berthold erst für die Darstellungen des Frühhellenismus gelten17, hält ausserdem dafür, dass der Eros des Phrygillos ein »ältliches Gesicht« besitze, was so nicht zutrifft. Man vergleiche nur, um ein Beispiel zu nennen, den Eros auf dem Delphin auf der rotfigurigen Oinochoe in Oxford aus der gleichen Zeit um 400 vor Chr. mit kindhaftem Körper und ‘erwachsenem’ Kopf18. Der rahmende Strichrand, für klassische Gemmen und Ringe vertraut19, ist bei antikisierenden Steinen vor der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht bekannt20, wird aber auch bei den späteren Klassizisten nicht verwendet. Einen namentlich bekannten neuzeitlichen Gemmenschneider als Urheber bringt A. Berthold für ihre These wohlweislich nicht in Vorschlag.


Anders beim Herakles-Chalzedon des Phrygillos (Abb. 3–4), den A. Berthold Giovanni Calandrelli (1784–1854?) zuschreiben möchte. Das Œuvre des begabten, in seinem Leben eher glücklosen Künstlers hat Gertrud Platz-Horster erschlossen21. Wichtig in unserem Kontext ist dabei ihre Entdeckung, dass nicht materielle antike oder nachantike Vorbilder, sondern Texte den Anstoss zu Calandrellis Entwürfen und ihrer Umsetzung im Stein ergaben. Eben dies ist für die Beurteilung des PhrygillosHerakles wichtig, wenn nicht ausschlaggebend. Weder in Karl Philipp Moritz’ Göt terlehre noch bei Homer oder Vergil etc. ist der Streit zwischen Herakles und Apollum den delphischen Dreifuss Thema. Ein Calandrelli oder ein anderer Zeitgenosse hätte die Vasenbilder (oder die archaischen Giebel von Delphi) kennen müssen, um zu dem Thema zu gelangen. Sie aber standen nicht zur Verfügung. Bekanntlich hat Calandrelli eine seiner Arbeiten mit »Phrygillos« signiert. Münzen von Syrakus hat er gekannt und vermutlich auch den Abdruck/Abguss der bereits berühmten ErosGemme. In Berlin hatte er Zugang zu der Glaspaste Stosch wie auch zu dem Abguss Reinhardts. Aber das Sujet – Chiron lehrt Achill das Bogenschiessen – hat er aus den schriftlichen Quellen22. Was die formale Gestaltung angeht, bemängelt A. Berthold, dass im »Motiv des Dreifussstreites« Herakles statisch ohne die gebotene Fluchtbewegung dargestellt sei. Tatsächlich aber ist nicht Streit und Kampf dargestellt, sondern Herakles als Sieger. Dem entspricht die Pose des Helden durchaus sinnfällig. Zu den archaisierenden Elementen der Körperdarstellung hatte bereits E. Zwierlein-Diehl die Analogien genannt23. Sie dürfen angesichts dessen, dass in der Kunst des späteren 5. Jahrhundert v. Chr. verschiedentlich retrospektive Tendenzen beobachtet werden, auch nicht befremden. Es bleibt dabei, dass die »Antikizität« (sic!)24 der PhrygillosGemmen nicht bezweifelt werden kann. Die Ausnahme, dass ein Stempelschneider sizilischer Silbermünzen des späten 5. Jahrhundert v. Chr. auch Gemmen schuf, ein schönes Zeugnis für die Beweglichkeit und Innovationskraft griechischer Kunsthandwerker auch in klassischer Zeit, bleibt bestehen.





