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Ines Jucker 1922 - 2013

Dietrich Willers

Ines Jucker 1922 - 2013

HASBonline – Hefte zur Archäologie des Mittelmeerraumes aus Bern, vol. 22, pp. 81-85, 2017

Universität Bern

Am 8. September 2013 ist Ines Jucker nach einem langen Abschied vom Leben im 92. Lebensjahr in Bern gestorben. Die Klassische Archäologie nicht nur Berns verliert in ihr eine eigenständige profilierte Gelehrte, die im Laufe ihrer langen Forschertätigkeit Wichtiges und Nachwirkendes in Gang setzen konnte.

Ina Mercedes wurde am 29. April 1922 als Tochter des bedeutenden Physikers Paul Scherrer und seiner Frau Ina Scherrer Sonderegger in Zürich geboren. Für den Besuch der Zürcher Töchterschule (heute das Gymnasium Hohe Promenade) und anschliessend die Studienwahl der klassischen Altertumswissenschaften und der Kunstgeschichte musste sie sich gegen die Sorgen und den anfänglichen Widerstand der Eltern wegen ihrer vermeintlich schwachen Gesundheit durchsetzen. Als sich die Studentin Ines Scherrer 1948 entschloss, nach Rom zu reisen, um die berühmten Kunstwerke im Original zu studieren, traf das wiederum auf das Entsetzen ihrer Eltern und ihres besorgten Lehrers Arnold von Salis. Sie konnte im Alter von dieser ersten Nachkriegszeit in Rom und den Begegnungen mit den Grossen der Altertumsforschung jener Tage wundervoll erzählen. Hatte sie doch auch hier in Rom Hans Jucker kennengelernt, der 1946 bei von Salis in Zürich promoviert hatte und als erster Stipendiat des nachmaligen Schweizer Instituts in Rom zu Gast im Quartier Ludovisi war. 1950 heirateten Hans und Ines Jucker, 1951 und 1953 wurden die Töchter Monica und Sabina geboren. 1957 erfolgte der Wechsel nach Bern, als Hans Jucker an die Universität Bern berufen wurde und damit begann, ein Institut für Klassische Archäologie aufzubauen. In jenen ersten Jahrzehnten widmete Ines Jucker ein gut Teil ihrer Kraft und ihrer Zeit der Unterstützung ihres Mannes und der Zuarbeit für ihn. Eigene wissenschaftliche Vorhaben traten ein wenig – aber nicht ganz! – zurück. Nach dem allzu frühen Tod Hans Juckers im März 19841 blieben ihr zwei Jahrzehnte, in denen die Arbeit am Schreibtisch und Reisen einander fruchtbar ergänzten und in denen sie auch grosse Aufgaben übernahm. Als erstes machte sie es sich zum Vermächtnis Hans Juckers, die von ihm angefangenen Arbeiten wohl überlegt an Schüler und Kollegen weiterzugeben, die die Forschung zu Ende führen sollten. Sie hat nie ein ‚Amt’ im Bereich der Klassischen Archäologie bekleidet, aber ihr Einfluss, der sich ihrer Lebensleistung als Forscherin verdankt, wird weiter wirken.

Ines Jucker begann in ihrer Dissertation von 1952 über den Gestus des Aposkopein mit einer ikonographischen Untersuchung – eine Studie, die durch keine jüngere Arbeit überflüssig gemacht worden wäre. Die frühen Berner Jahre erlaubten die intensive Begegnung mit den Antiken des Bernischen Historischen Museums, woraus etliche Einzeluntersuchungen resultierten, publiziert teils im Jahrbuch des Museums, teils an anderer Stelle. Das mündete in dem Auswahlkatalog Aus der Antikensammlung des Bernischen Historischen Museums von 1970 – wiederum ein Buch, das bis heute nicht ersetzt worden ist.

Ikonographische Fragen, Bildinterpretationen und Verwandtes blieben zeitlebens ein wichtiger Teil ihrer Forschung. Ihre Arbeiten galten attischen Vasenbildern wie griechischen und römischen Weihreliefs und Grabreliefs, war doch ihrer Generation die Trennung in eine griechische und eine römische Archäologie gar nicht denkbar. So erfolgreich wurden ihre Interpretationen auch dank der tiefen Kenntnis der antiken Literatur sowie der Religionsgeschichte, speziell des antiken Kultgeschehens. Wir nennen nur beispielhaft die frühe weit ausgreifende Studie Frauenfest in Korinth von 1963, in der die Friesdarstellungen früharchaischer korinthischer Flaschen einerseits zu einer Analyse der Gefässform, andererseits zu einer Untersuchung der frühen Feste für griechische Göttinnen führten. Dass die Interessen an ikonographischen Problemen bei Ines Jucker immer wach blieben, daran erinnert die anmutige kleine Notiz zu Zwei Grabstelen aus Griechenland in Schweizer Privatbesitz von 1997.

Der andere Schwerpunkt war das antike wiederum griechische wie römische Porträt. Wir verdanken ihr auf diesem Feld die schönen Vorlagen ptolemäischer Herrscher und Herrscherinnen in etlichen Einzelstudien, die so elegant publizierte Studie Ein Bild­ nis Alexanders des Grossen von 1993 sowie die Beiträge zum römischen Herrscherbild, vor allem aber die zwei Bände zur privaten Zürcher Porträtund Skulpturensammlung Ennetwies, ihr bedeutendes und umfangreiches Alterswerk.

Und dann gab es da noch eine dritte Liebe, die früh begann, aber besonders die Arbeit der späteren Jahre wesentlich prägte, nämlich diejenige zur etruskischen Kunst und Kultur. Das Thema dominiert die Aufsätze und Rezensionen der späteren Jahre durchaus. Aber da sind nicht nur die Kleinen Schriften, sind sie doch Nebenergebnisse der beiden Hauptwerke: Ines Jucker hat die Ausstellung Italy of the Etruscans im Israel Museum in Jerusalem von 1991 vorbereitet und den Katalog selbst (mit Beihilfe weniger anderer) verfasst, und kaum weniger wichtig ist ihr Corpusband zu etruskischen Klappund Reliefspiegeln in Schweizer Sammlungen von 2001. Als ihr in den späten Jahren die Kraft schwand, neuen Fragen mit Ausdauer nachzugehen, ergab sich noch eine grosse Befriedigung: Die wundervolle Bibliothek Jucker konnte durch die Vermittlung von Sabina Brodbeck Jucker als Schenkung an die junge Universität Çanakkale in der Westtürkei gehen.

Die Würdigung von Ines Juckers wissenschaftlicher Leistung gehört hierher, doch damit erschliesst sich ihre Persönlichkeit, die wir alle liebten, nur zu einem Teil. Sie war sich ihres archäologischen Urteils durchaus gewiss, war aber nie rechthaberisch. Zweifel an der Position des Gesprächspartners und Widerspruch kleidete sie allenfalls in Fragen. Ihre generelle Bescheidenheit ist geradezu legendär. Sie war gegründet auf einem Selbstwertgefühl, das sich nicht gross ausdrücken musste. Grundlage ihres Alltags und der späteren Jahre, die wir selbst miterlebt haben, war die unverbrüchliche Liebe zu ihrem, zu unserem Fach. Spät habe ich sie eingeladen auf unsere archäologischen Exkursionen mitzukommen. Daraus wurden dann so etwas wie Höhepunkte des Jahres. Die studentischen Teilnehmer konnten an ihrer ausdauernden Anteilnahme und ihrer elementaren Beziehung zu den archäologischen Denkmälern erleben, dass Wissenschaft zu betreiben mehr ist, als nur einen Job zu absolvieren, und sie sprachen das auch voller Bewunderung und Staunen aus. Man traf sie gerne am Samstag oder an stillen Sonntagen in der Bibliothek des Berner Instituts. Gelegentlich gab es eben doch Bücher, die in der stupenden Bibliothek Jucker nicht vorhanden waren. Da kam sie mit den jungen Leuten ins Gespräch, und man tauschte sich über fachliche und ganz persönliche Probleme aus. Die Jungen wussten ihre Probleme gut bei ihr aufgehoben. Alles das ist die Ines Jucker, die wir in Erinnerung behalten werden.2

Schriftenverzeichnis Ines Jucker

Zusammengestellt von Dietrich Willers

1950 Eine neue Odysseedarstellung, MdI 3, 1950, 135–138

Rez. K. Schefold, Orient, Hellas und Rom in der archäologischen Forschung seit 1939, MusHelv 7, 228

1955 Zusammen mit H. Jucker und M. Pallottino, Kunst und Leben der Etrusker: Kunsthaus Zürich, 15. Januar bis Ende März, 1955, Illustrierter Katalog, 2. verbesserte Auflage. Etruskische Kunst / Aufnahmen von Walter Dräyer und Martin Hürlimann. Einleitender Text von Massimo Pallottino. Bilderläuterungen von H[ans] und I[nes] Jucker, Zürich

Rez. G. M. A. Richter, Three Critical Periods in Greek Sculpture, Erasmus 8, 168–171 1956 Der Gestus des Aposkopein, Zürich

1957 Antike Goldgefässe in Bulgarien, Atlantis 29, 137–142

1959 Ein Stirnziegel aus der Sammlung Bachofen, MusHelv 16, 59–68

1960 Meisterwerke griechischer Kunst. Zur Ausstellung in Basel, Schweizer Monatshefte 40, 623–625

Rez. C. Dunant – J. Pouilloux, Recherches sur l’histoire et les cultes de Thasos 2. De 196 avant J.-C. jusqu’à la fin de l’antiquité, MusHelv 17, 39f.

1961 Der Feueranbläser von Aventicum, ZSchwA 21, 49–56

1962 Rez. H. Kenner, Weinen und Lachen in der griechischen Kunst, AnzAW 15, 207–210 1963 Frauenfest in Korinth, AntK 6, 47–61

Rez. G. Beckel, Götterbeistand in der Bildüberlieferung griechischer Heldensagen, Gnomon 35, 634–637

1966 Kretische Sphinx, JbBernHistMus 1965/66, 479–484

Der neue Antikensaal im Bernischen Historischen Museum, AntK 9, 52–55

1967 Artemis Kindyas, AntK Beiheft 4: Gestalt und Geschichte, Festschr. K. Schefold, 133– 145

Das neue Antikenmuseum in Basel, Schweizer Monatshefte 46, 950–952

Rez. J. D. Beazley, Attic Red-Figure Vase-Painters, 2nd Edition; G. Kleiner, Alt Milet;

H. Möbius, Die Reliefs der Portlandvase und das antike Dreifigurenbild; I. Ràcz, Antikes Erbe, MusHelv 24, 122. 121. 124. 126

1968 Rez. K. Christ, Antike Numismatik. Einführung und Bibliographie, SchwMüBl 18, 21 August Voirol: Nekrologe – Nekrologie, SchwMüBl 18, 21f.

Rez. K. Schefold, Die Griechen und ihre Nachbarn, MusHelv 25, 195

1969 Rez. U. Gehrig – A. Greifenhagen – N. Kunisch, Führer durch die Antikenabteilung, Staatliche Museen, Berlin; A. Oliver jr., The Reconstruction of two Apulian Tomb Groups; K. P. Stähler, Eine unbekannte Pelike des Eucharidesmalers im archäologischen Museum der Stadt Münster, MusHelv 26, 125. 126. 124. 122

1970 Aus der Antikensammlung des Bernischen Historischen Museums, Bern

Akrisios. Eine weissgrundige Lekythos des Achilleusmaler, AntK Beiheft 7: Studien zur griechischen Vasenmalerei, 47–49

Jakob Wiedmer-Stern, JbBernHistMus 49/50, 1969/70, 179–188 Griechische Vasen, Bern

1972 Rez. I. Raubitscheck, The Hearst Hillsborough Vases, Gnomon 44, 423–424

Rez. CVA USA 13: The Ella Riegel Memorial Museum, The Bryn Mawr College 1, MusHelv 29, 234f.

1973 Kephalos im Göttergarten, AntK Beiheft 9: Zur griechischen Kunst, Hans Jörg Blösch zum 60. Geburtstag, 63–69

Rez. P. Auberson – K. Schefold, Führer durch Eretria; CVA USA Fasz. 15: The Cleveland Museum of Art, Fasz. 1 by C. G. Boulter; H. Möbius, Studia Varia, MusHelv 30, 185. 187. 191

1974 Rez. K. Wallenstein, CVA Deutschland 36: Tübingen 1, MusHelv 31, 182

1975 Zum Bildnis Ptolemaios’ III. Euergetes, AntK 18, 17–25

1976 Rez. C. H. E. Haspels, The Highlands of Phrygia, MusHelv 33, 182

1977 Rez. P. MacKendrick, The Dacian Stones speak; T. Hölscher, Victoria Romana, MusHelv 34, 205. 206

1978 Rez. F. Rakob – W.-D. Heilmeyer, Der Rundtempel am Tiber in Rom, Mus Helv 35, 120

1979 Ein Bildnis der Arsinoe III. Philopator, HASB 5, 16–20

1980 Hahnenopfer auf einem späthellenistischen Relief, AA, 440–476 Ein Bildnis Demetrios’ II. von Syrien, HASB 6, 22–30

Hrsg. mit R. Stucky, AntK Beiheft 12: Eikones. Hans Jucker zum sechzigsten Geburtstag gewidmet

1982 Ein etruskischer Spiegel mit Parisurteil, MusHelv 39, 5–14

Texte in: Gesichter. Griechische und römische Bildnisse aus Schweizer Besitz, Ausstellungskatalog Bern

Alipes Mercurius, NumAntCl 11, 107–128

1986 Hercle bei Lamtu. Ein neuer etruskischer Spiegel, AntK 29, 126–135 (zuerst in der im Privatdruck erschienen Schrift Πανήγυρις συμϕιλολογούντων: Festschrift für Thomas Gelzer zum 60. Geburtstag am 29. Juni 1986 / Hrsg. von C. Eucken, C. Schäublin)

Der wiedergefundene Telephos, in: W. Martini (Hrsg.), Studien zur Mythologie und Vasenmalerei. Konrad Schauenburg zum 65. Geburtstag am 16. April 1986, 139–142

1988 Bemerkungen zu einigen etruskischen Spiegeln, RM 95, 1–39 Die Geburt der Turan, NumAntCl 17, 101–123

Das Fest auf dem Nil, AntK 15. Beiheft: Kanon. Festschrift Ernst Berger zum 60. Geburtstag am 26. Februar 1988 gewidmet, 247–256

1990 Die Ptolemäerin von Toulouse, HASB 13, 9–15

Rez. R. D. de Puma, Corpus Speculorum Etruscorum. USA 1: Midwestern Collections, Gnomon 62, 632–637

1991 Italy of the Etruscans: The Israel Museum, Jerusalem, Weisbord Exhibition Pavilion, Summer 1991, Mainz

1991 Rez. R. Lambrechts, Corpus Speculorum Etruscorum. Belgique 1, Gnomon 63, 182–185

1992 Überlegungen zu Maximianus Herculius und seinen Mitregenten, NumAnt Cl 21, 323–351

1993 Ein Bildnis Alexanders des Grossen, München

1995 Skulpturen der Sammlung Ennetwies. Monumenta Artis Romanae 25, Mainz

Rez. D. Emmanuel-Rebuffat, Corpus Speculorum Etruscorum. France 1: Paris, Musée du Louvre 1, Gnomon 67, 152–156

1996 Rez. G. Zimmer, Etruskische Spiegel. Technik und Stil der Zeichnungen, 135. BWPr 1995, MusHelv 53, 270

1997 Zwei Grabstelen aus Griechenland in Schweizer Privatbesitz (mit Beiträgen von Anne Bielmann), HASB 16, 41–50

Tydeus und Melanippos vor Theben, AntK 40, 82–88

Rez. Corpus speculorum Etruscorum, USA 2: Boston and Cambridge. Boston, Museum of Fine Arts. Cambridge, Harvard University Museums, Gnomon 69, 709– 714

1998 Euripides und der Mythos von Orest und Iphigenie in der bildenden Kunst, in: Euripides, Iphigenie bei den Taurern (Drama 6). Stuttgart, 105–138

1999 Rez. A. Cambitoglou – J. Chamay, Céramique de Grande Grèce: La collection de fragments Herbert A. Cahn, MusHelv 56, 183

2001 Corpus Speculorum Etruscorum, Schweiz 1: Basel – Schaffhausen – Bern – Lausanne, Bern

2001 Rez. L. Aigner-Foresti (Hrsg.), Die Integration der Etrusker und das Weiterwirken etruskischen Kulturgutes im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom, MusHelv 58, 187f.

2003 Rätsel um Plautilla, AntK 46, 72–80

2005 Frauengeschichten aus Athen, ʾΑειμνηστός. Miscellanea di studi per Mauro Cristofani. Firenze, 566–571

2006 Skulpturen der Antiken-Sammlung Ennetwies 2. Monumenta Artis Romanae 36, Wiesbaden

Zwischen 1949 und 1968 ca. 35 Anzeigen und Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)

Fußnote

1 Zu Hans Jucker: D. Willers, in: R. Lullies – W. Schiering (Hrsg.), Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache (Mainz 1988) 323f. mit Lit.
2 Dank geht an Sabina Brodbeck Jucker für Hilfe in biographischen Fragen und an Dietrich Boschung für die Vervollständigung des Schriftenverzeichnisses.
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