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Salve Domina. Hinweise auf lesende und schreibende Frauen im Römischen Reich
Salve Domina. Hinweise auf lesende und schreibende Frauen im Römischen Reich
HASBonline – Hefte zur Archäologie des Mittelmeerraumes aus Bern, vol. 22, 2017
Universität Bern

EINLEITUNG
Darstellungen von lesenden und schreibenden Frauen sind in der römischen Antike nicht selten und wurden oft als solche von Musen interpretiert.. Wie stand es aber um die effektive Fähigkeit römischer Frauen zu lesen und zu schreiben? Darüber können Musendarstellungen kaum Aufschluss geben. Deshalb sollten in meiner Masterarbeit., auf der dieser Artikel basiert, nicht Bildquellen, sondern das Fundmaterial im Vordergrund stehen und zeigen, ob sich Aussagen zur Leseund Schreibfähigkeit von Römerinnen machen lassen.
Die Forschung interessierte sich bisher vor allem für die hochgebildeten Damen der Oberschicht, welche selbst literarisch tätig waren.. Sie sind es auch, die in den schriftlichen Quellen meist erwähnt werden. Doch auch über Sklavinnen gibt es Berichte, und zwar in Grabinschriften. Die dort genannten Berufsbezeichnungen erfordern eindeutig Fähigkeiten im Lesen und/oder Schreiben. Um ein weiteres Bild zu bekommen und sich auch Frauen aus anderen Schichten anzunähern, lohnt sich der Blick auf das archäologische Fundmaterial. Schreibgeräte, die sich Frauen zuweisen lassen, geben konkrete Hinweise auf ihre Fähigkeiten im Umgang mit der Schrift. Besonders gut eignen sich Grabfunde, da diese intentionell einer bestimmten Person mitgegeben wurden. Solche aus Hausoder Siedlungskontexten sind dagegen kaum einem einzelnen Individuum zuzuweisen.
Weitere Hinweise auf die Literalität. geben Alltagsgegenstände wie Spinnwirtel als Schriftträger. Wurden sie von Frauen selbst beschrieben, lassen sie auf die Schreibfähigkeit der betreffenden Person schliessen; kamen sie bereits beschriftet in ihren Besitz, konnte die Frauen diese mit einiger Wahrscheinlichkeit auch lesen und verstehen.
SCHRIFTLICHE QUELLEN
Um sich der Leseund Schreibfähigkeit von römischen Frauen anzunähern, setzt man am besten bei der Ausbildung an. Nur wenige Autoren beschäftigten sich mit derjenigen der Mädchen. Dies geht darauf zurück, dass die Kindheit allgemein wenig behandelt wurde. So steht denn auch bei der Ausbildung von Knaben eher ihre zukünftige Karriere im öffentlichen Raum im Vordergrund, welche für Mädchen nicht vorgesehen
* Inschrift auf einem Spinnwirtel aus Autun (Saône-et-Loire, F), prairie l’Évêque. LAMbERT 2002, 318; war.. Ausserdem können bei einer Nennung von Kindern (in männlicher Pluralform) Mädchen mit eingeschlossen sein, müssen aber nicht..
Verschiedene Schriftsteller berichten ab der Zeit der Republik bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. vom Schulbesuch von Mädchen.. Explizit nennen Livius9
und Dionysos von Halikarnassos10 Verginia, die Tochter des Centurio Lucius Verginius, welche die Schule auf dem Forum besuchte. Sie wurde von ihren Ammen begleitet11. Laut Livius war sie bereits erwachsen und verlobt, also ungefähr 12–15 Jahre alt12, und soll noch die Grundschule besucht haben13. Nach Dionysos von Halikarnassos lernte sie bereits bei einem grammaticus, war also schon in einer höheren Ausbildung, was ihrem Alter entsprochen hätte14. Die Szene spielt im 5. Jahrhundert v. Chr., wurde aber von Autoren des 1. Jahrhundert v. und n. Chr. geschrieben. Dass eine junge Frau auf dem Forum zur Schule geht, wird nicht weiter erläutert, scheint also in dieser Zeit nicht aussergewöhnlich gewesen zu sein, ja vielleicht sogar auf eine längere Tradition zurückzugehen1.. Interessanterweise gehörte Verginia der Plebs an, nicht der Oberschicht. Das weist auf eine Schuldbildung nicht nur für adelige Frauen hin.
Martial16 gibt darüber hinaus Hinweise auf den gemeinsamen Unterricht von Mädchen und Knaben. Besonders in der Oberschicht wurden häufig Privatlehrer angestellt, um die eigenen und teilweise auch Sklavenkinder zu unterrichten. Obwohl häufig nur die Söhne genannt sind, scheint es wahrscheinlich, dass auch die Töchter desselben Haushaltes teilnehmen durften. In einigen Familien ohne männlichen Nachwuchs wurden jedenfalls Lehrer für den Unterricht der Töchter angestellt17.
Das Anlegen der toga virilis und damit der Wechsel vom Kind zum Erwachsenen war für die Knaben wohl auch der Übergang vom Elementarunterricht zum Unterricht beim Grammatiker. Bei Mädchen markierte dagegen die Hochzeit das Ende der Kindheit. Da sie ab diesem Zeitpunkt nicht mehr unter der Aufsicht der Eltern standen, ist auch mit einem Wechsel in der Ausbildung zu rechnen18. Den Wechsel zum Grammatiker machten sie vermutlich nicht mit, doch gerade in der Oberschicht konnte die Grundausbildung durch den Ehemann, einen Privatlehrer, den Zugang zu Familienbibliotheken oder die Teilnahme am sozialen Leben des Mannes ergänzt und in unterschiedliche Richtungen weitergeführt werden19.
Nach der Hochzeit kam auf die junge Frau eine Fülle von neuen Aufgaben zu: Als matrona musste sie die Arbeit der Sklaven koordinieren und überwachen, ihren Mann zu Anlässen begleiten oder seine Besucher bei Einladungen im eigenen Haus unterhalten und ihn, wenn er wegen militärischen oder politischen Angelegenheiten ausserhalb der Stadt war, mit den wichtigsten Informationen über die aktuellen Geschehnisse versorgen20. Je nachdem kam auch die Verwaltung des eigenen Vermögens hinzu. Die für diese Tätigkeiten nötigen Schreibarbeiten konnten von Sklaven erledigt werden, was wohl allgemein häufig der Fall war. Trotzdem war es nützlich, selbst kurze Texte verfassen zu können21. Noch wichtiger war aber die Fähigkeit zu lesen, erlaubte sie doch, die schriftlichen Arbeiten der Sklaven zu überwachen, was gerade bei Abrechnungen und Ähnlichem wichtig war22.
Dazu kam natürlich die Erziehung der Kinder. Normalerweise wählte der Vater, der für die Ausbildung zuständig war, einen Lehrer für seine Kinder aus. Falls er früh verstarb, fiel diese Aufgabe der Mutter zu und war damit abhängig von ihrem eigenen Bildungsstand23.
Auch die stadtrömischen Grabinschriften geben Hinweise auf literarische Fähigkeiten. Sie nennen häufig neben dem Namen und dem Alter des Verstorbenen auch seine Beschäftigung zu Lebzeiten24. Im Vergleich zu den Grabinschriften von Männern sind Berufsangaben bei Frauen selten25. Für römische Matronen war die Ausübung einer Arbeit nicht angemessen; ihr Tätigkeitsbereich beschränkte sich auf das Gebären von Kindern und den Haushalt, was die Inschriften unterstreichen, die die Kunstfertigkeit im Weben und Spinnen loben26. Freigelassene und Sklavinnen waren dagegen in verschiedenen Berufsfeldern vertreten, was sich auch in ihren Grabinschriften niederschlägt27. Neben zahlreichen Betätigungen im Textilgewerbe oder der Körperpflege, die meistens von Frauen ausgeübt wurden, sind auch Ärztinnen, Händlerinnen und Musikerinnen bezeugt. Besonders interessant für die vorliegende Arbeit sind Berufe, die eine Ausbildung in Lesen und Schreiben voraussetzen.
17 solche Belege stammen aus der Stadt Rom. Sie datieren in die Zeit vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis in das 2. Jahrhundert n. Chr. mit einer Konzentration im 1. Jahrhundert n. Chr. Konkret nennen drei Inschriften eine lectrix.8, zwei eine anagnostria29. Beide Begriffe bezeichnen eine Vorleserin, welche für ihre Herren beim Bad, während dem Essen oder vor dem Schlafen rezitierte30. Eng verwandt mit den lectrices und anagnostriae ist die acroamatica, welche nur in einer Inschrift belegt ist31. Sie beherrscht verschiedene Unterhaltungsarten, von Vorlesen zu Musik und Tanz. Vier Inschriften nennen eine a manu oder amanuensis32.Sie wird meistens als Schreiberin oder Sekretärin bezeichnet. Als einziger der hier vorgestellten weiblichen Berufe ist die amanuensis auch in literarischen Quellen erwähnt: Caenis, die amanuensis und Freigelassene der Antonia, Mutter des Claudius, wurde nach dem Tod von Flavia Domitilla zur Konkubine des Vespasian und gelangte so zu grossem Reichtum und Einfluss33. Cassius Dio lobt ihre Treue gegenüber ihrer Herrin Antonia und ihr gutes Gedächtnis. Indem er beschreibt, wie Antonia ihr einen geheimen Brief an Tiberius diktierte, den sie zu schreiben hatte, gibt er zugleich einen Einblick in das Tätigkeitsgebiet einer amanuensis34. Sieben Frauen werden als librariabezeichnet35. Ihr Tätigkeitsgebiet war wohl ähnlich dem der a manu/amanuensis, also das einer Sekretärin3.. Ihre Aufgaben werden sich nicht wesentlich von denen eines männlichen Sekretärs unterschieden haben: das Schreiben von Briefen, das Abschreiben und Kopieren von Büchern oder Akten und vermutlich auch das Führen der Buchhaltung und des Rechnungswesens37. Eine singuläre Inschrift nennt eine notaria38. Notarius/notaria wird meist als Stenograph oder Tachygraph übersetzt. In Privathaushalten schrieben sie nach Diktat Briefe, Verträge und Ähnliches, konnten dort, in Bibliotheken oder Bücherläden aber auch als Kopisten arbeiten39. Ebenfalls nur einmal ist der Zusatz a bybliotheca belegt40, welcher auf die Tätigkeit in einer Bibliothek hinweist. Er ist auch für Sklaven und Freigelassene überliefert, welche in den öffentlichen kaiserlichen Bibliotheken und in den kaiserlichen Villen gearbeitet haben. Die Tätigkeiten umfassten die Pflege und den Unterhalt der Sammlung, was vom Einräumen der Volumen über das Anfertigen von Kopien bis zum Errichten von Bücherregalen reichte41.
Von den hier behandelten 19 Inschriften nennen sechs Vorleserinnen (lectrices, anagnostriae, acroamatica graeca) und zwölf Schreiberinnen (a manu, amanuensis, libraria, notaria). Die a bybliotheca steht für sich, da sich ihr Tätigkeitsgebiet nicht genau definieren und sie sich deshalb nicht einer der Gruppen zuweisen lässt. Dass die Schreiberinnen auch lesen konnten, ist vorauszusetzen; über die Schreibfähigkeit der Vorleserinnen lassen sich keine Aussagen machen, sie ist aber wahrscheinlich. Dies insbesondere deshalb, weil das Lesen über das Schreiben gelernt wurde: Die Schüler zeichneten vorgeritzte Buchstaben nach, verbanden sie zu Silben und Wörtern. Dazu wurde zeitgleich das Lernen über das Gehör und somit auch das Nachsprechen und schliesslich das Lesen geübt42.
Den sechs aus Inschriften bekannten Vorleserinnen stehen vier männliche Vorleser gegenüber43. Ein Grund für die relativ kleine Anzahl an Belegen könnte darin liegen, dass die Aufstiegschancen zu einer andern Tätigkeit aufgrund der Ausbildung gut standen. Für Frauen ist diese Möglichkeit jedoch fraglich44. Vielleicht behielten die wenigen Frauen ihre jeweilige Position, während die Männer mit anderen Tätigkeiten betraut wurden. Viel einseitiger zeigt sich das Verhältnis bei den Schreibern: Auf die zwölf weiblichen kommen 106 männliche45. Die Angaben der (ehemaligen) Besitzer zeigen, dass die lesenden und schreibenden Frauen fast ausschliesslich für Frauen tätig waren46.
ARCHÄOLOGISCHE HINWEISE AUF LESENDE UND SCHREIBENDE FRAUEN
Aus dem Gebiet des heutigen Italien und der nördlichen Provinzen werden im Folgenden die bekanntesten 36 als weiblich identifizierten Gräber mit Schreibgerätbeigaben47 des 1. – 4. Jahrhunderts n. Chr. vorgestellt (Abb. 1; Tab. 1 mit Datierungen). Sie lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Solche mit Beigaben aus dem Bereich des Schreibens mit Tinte, solche, die das Schreiben auf Wachstafeln belegen und solche mit Hinweisen auf beide Techniken. Tintenfass, Schreibfeder und (Feder-) Messerchen zum Anschneiden der Feder bezeugen das additive Schreiben mit Tinte; Schreibgriffel, Wachstafeln und Wachsspatel zum Glattstreichen das Einritzen der Schrift (Abb. 2). Wachstafeln48 und Schreibfedern49 waren beide häufig aus organischem Material; ihr Erhaltungszustand ist entsprechend problematisch und die Wahrscheinlichkeit von Grabfunden klein.

Zehn Gräber zeugen vom Schreiben mit Tinte. Mit einer Ausnahme besitzen sie nur jeweils ein Objekt, welches sich als Schreibgerät ansprechen lässt. Einzig das sog. Grab einer Ärztin aus Vindonissa50 weist drei Objekte auf: Ein kleines zylindrisches Döschen aus Bronze mit stark profilierter Wandung konnte von D. Božicˇ51 als Tintenfass identifiziert werden. Bei zwei Bronzeröhrchen könnte es sich um die oberen Enden von Schreibfedern handeln. Teile von zwei verbrannten Skalpellen belegen die Beigabe von medizinisch-chirurgischen Instrumenten, was die Ansprache als Ärztinnengrab erlaubt52.
Das heute verschollene Silberdöschen aus einem Plattengrab aus Augusta Raurica53mit geritzter und punzierter Dekoration besitzt keinen Deckel mehr, wodurch sich nicht mehr feststellen lässt, ob es eine Öffnung zur Entnahme der Tinte gegeben hat oder nicht. P.-A. Schwarz54 bevorzugt eine Interpretation als Pyxis, stellte aber auch fest, dass silberne Pyxiden eine Rarität im archäologischen Fundmaterial darstellen und ausserdem relativ selten in Gräbern vorkommen. Die Nutzung als Tintenfässchen erwähnt er, kann sie aber wegen der fehlenden Deckelkonstruktion und dem Mangel an Tintenverfärbungen nicht bestätigen. Bei S. Fünfschilling wird das Grab dennoch unter die schreibgerätführenden Bestattungen aufgenommen55.

Das einzige aus mehreren Teilen zusammengesetzte Tintenfässchen stammt aus dem Grab 235 in Favianis/Mautern56. Es besteht aus Blei. Ein kleineres Gefäss mit unregelmässigem und gelochtem Deckel wurde in einen grösseren zylindrischen Mantel gestellt. Weiteres Schreibgerät ist nicht vorhanden.
Nur bei einem Grab kann ein kleines Elfenbeinfragment mit einiger Wahrscheinlichkeit als Schreibfeder identifiziert werden. Die anderen bekannten Schreibfedern aus den hier behandelten Frauengräbern sind mit weiterem Schreibgerät kombiniert, was auch ihre Deutung erleichtert hat. Das erwähnte Elfenbeinstäbchen ist zusammen mit einem grösseren Elfenbeinstab mit vergoldeten Streifen desselben Materials, welcher wohl zu einem Fahnenfächer gehörte, einem Haarpfeil aus Schildpatt, Glasund Steingefässen und einer Tonlampe mit FORTIS-Stempel einer weiblichen Bestattung vom Ende des 1. Jahrhundert n. Chr. in einer Gruft in Mainz beigegeben worden57.
Ein kleines Messer als einziger Anhaltspunkt für Schreibgerät ist in Diersheim, Grab 2158 und in fünf Gräbern aus Emona59 vorhanden. Das eiserne Messer aus Diersheim besitzt einen Griff mit fischblasenartiger Aussparung und entspricht somit dem von D. Božicˇ60 als Federmesser definierten Typ. Die zweite von ihm als charakteristisch genannte Form ist das Volutenknaufmesser, welches gut erkennbar im Grab 41 aus Emona, Titova-Cesta vorliegt. Bei den andern Messern haben sich jeweils nur der Griff oder die Schneide erhalten und es ist schwierig, hier weitere Aussagen sowie eine gesicherte Definition als Federmesser zu wagen. H. Dolenz61 und D. Božicˇ62 weisen sie aber alle den beiden genannten Typen zu, weshalb sie hier mit Vorbehalt in die Zusammenstellung aufgenommen sind.
Die Gräber, welche nur Elemente des Schreibens auf Wachstafeln aufweisen, sind im vorliegenden Material nur mit einem oder zwei Stili ausgestattet. Funde von Schreibtafeln oder Wachsspatel fehlen. Oft handelt es sich um einfache Eisenstili63. Das Stück aus Avenches, En Chaplix Structure 35864 ist mit zwei Bändern geschmückt, hingegen sind bei jenem aus Weil, Grab 4565, an den Griffenden jeweils schmale Bronzeringe eingetrieben. Der Stilus des Grabes 237 aus Favianis/Mautern6. ist aus Bronze mit einer einfachen, unverzierten Form. Aus einem Mädchengrab aus Rom, an der Via Ostiense6., stammen zwei bronzene Stili mit Spuren von Vergoldung. Das Beigabenset wird durch Goldschmuck ergänzt.
Bronzestili lagen auch im reich ausgestatteten Grab der Antestia Marciana aus Aquileia68. Ein Schmuckkästchen mit verschiebbarem Deckel, verschiedene Früchte und ein Fläschchen aus Bernstein, Haarnadeln und ein Stab aus Knochen sowie Glasobjekte belegen den gehobenen Stand der Bestatteten. Der Sarkophag der Toten trägt die Inschrift:
HAVE · ANTESTIA · MARCIANE IN PERPETVO · NOMINANDA
QVAE VIX · ANN · XII · MENS · I · DIES · XXV M · ANTISTIVS · MARCIANVS · ET · VERGILIA · FORTVNATA PARENTES · DVLCISSIMAE69
Diese Inschrift ist singulär im behandelten Material; kein anderes Grab war auf diese Weise markiert.
Es fällt auf, dass die vier Gräber aus Italien alle sehr reich ausgestattet wurden und für das Schreibgerät teurere Materialien wie Bronze, Silber oder Elfenbein verwendet worden sind.
Schliesslich liegen vierzehn Gräber vor, die Werkzeuge zum Schreiben sowohl in Wachs als auch mit Tinte aufweisen. Gleich drei reich ausgestattete Frauengräber mit Schreibgerätbeigaben stammen aus der Nekropole von Nijmegen7.. Grab 9 und 11 weisen jeweils ein Bronzetintenfass, drei Eisenstili, zwei bzw. einen nadelförmigen Stift, einen eisernen Wachsspatel und ein Eisenmesser auf. Bis auf das Tintenfass sind diese bei beiden Bestattungen zusammen mit einem Knochenspatel, möglicherweise einem Lineal, zusammenkorrodiert, was ein Hinweis auf ein gemeinsames Etui sein könnte. Die Stili und Wachsspatel belegen das Schreiben auf Wachstafeln. In einigen Buchenholzresten aus Grab 9 lässt sich eine solche möglicherweise sogar noch fassen. Es könnte sich aber auch um die Reste eines kleinen Kästchens handeln. Ergänzt werden die Ensembles mit Essund Trinkgeschirr und Öllampen. Im ausserordentlich reichen Grab 9 befanden sich ausserdem Reste eines hölzernen Klappstuhls und ein Bergkristallring sowie Toilettengerät.
Das Schreibgerätensemble aus Grab 1 unterscheidet sich nur in der etwas geringeren Anzahl an Schreibgriffeln (zwei statt drei und ohne nadelförmigen Stift) und dem fehlenden Knochenspatel von den anderen beiden. Auch die weiteren Beigaben sind vergleichbar.
Ein ähnliches Spektrum zeigt das Grab 3475 aus Krefeld-Gellep71. Die drei Eisenstili, einer davon mit einer Messingtauschierung, und das zylindrische Tintenfass belegen beide Schrifttechniken. Das Tintenfass besitzt eine kreisrunde Öffnung, welche mit einer drehbaren Klappe verschlossen werden konnte. An den beiden abstehenden Stegen könnten Schreibfedern oder allenfalls Stili befestigt gewesen sein, wie das auch bei den Tintenfässern aus Köln der Fall war72. Das eiserne Klappmesser mit hölzernem Griff diente vielleicht zum Anschneiden der Schreibfeder. Das Schreibgerät war zusammen mit Schmuck, einem Spiegel und einer Strigilis in einem hölzernen Kästchen untergebracht73.
Die zwei Brandgräber aus Köln weisen einige Gemeinsamkeiten auf. Bei beiden waren ein Tintenfass und zwei Eisenstifte beigegeben worden. Bei der Freilegung des Grabes an der Luxemburgerstrasse waren diese Stifte noch eng mit dem Tintenfass verbunden. J. Hagen74 interpretiert sie als Röhren für das Schreibgerät. Wie D. von Boeselager mithilfe von Röntgenaufnahmen eines vergleichbaren Fundes zeigen kann, handelt es sich um Eisenstili, welche stark korrodiert und deshalb fest am Tintenfässchen haften geblieben sind. Im Rost sind noch Spuren eines Lederetuis zu erkennen75. Die Stili waren in unbekannter Weise an zwei waagerechten Stegen befestigt. Diese sind auch beim Tintenfass aus der Aschekiste vom Friesenplatz und beim oben erwähnten Grab 3475 aus Krefeld-Gellep nachgewiesen. An einem der beiden Eisenstifte vom Friesenplatz erkannte D. von Boeselager76 in der Rostschicht noch die Abdruckstelle der Halterung und konnte ihn an dieser Stelle wieder am Tintenfässchen anpassen77.
Bei diesen Gräbern sind also Tintenfass und Schreibgriffel, die jeweils typischen Vertreter der zwei Schriftarten, sehr eng miteinander verbunden. Schreibfedern konnten keine nachgewiesen werden, doch ist es wahrscheinlich, dass sie aus vergänglichem Schilfrohr waren und sich deshalb nicht erhalten haben78.
Die Gräber wurden nicht anthropologisch untersucht, da jedoch beide beinerne Kästchenbeschläge und einen Salbenreibstein aufweisen, lassen sie sich als (eher) weiblich klassifizieren79.
Auch im Grab 75 aus dem stadtrömischen Gräberfeld Boccone d’Aste80 sind verschiedene Beigaben in einem Holzkästchen, hier mit Silberschloss, deponiert worden. Das Kästchen befand sich zu Füssen der Verstorbenen. Darin war ein Röhrchen aus Silber mit einem Deckel und einer seitlich angebrachten Öse. R. Ambs und A. Faber81 benennen das Objekt als Tintenfässchen, an welches seitlich ein spitzes Stäbchen eingehängt gewesen sei, vielleicht eine Schreibfeder oder ein Stilus. Auf der publizierten Abbildung ist nur schwer zu erkennen, worum es sich bei diesem Stäbchen wirklich handelt und ob es überhaupt ein eigenständiges Objekt ist. Es ist ebenso wahrscheinlich, dass es sich bei dem Röhrchen um einen Behälter handelt, wie das auch F. di Gennaro und M. De Filippis8. vorschlagen. Mit 1.6 cm Durchmesser und 8.2 cm Länge unterscheidet es sich von den Dimensionen her stark von den andern hier vorgelegten Tintenfässchen, welche eine gedrungenere Form zeigen8.. Mehrere ebenfalls silberne Objekte werden von F. di Gennaro und M. De Filippis als Verschluss eines Holzkästchens angesprochen. Sie könnten aber auch zum Verschluss eines Tintenfasses gehören84.
Ein Ensemble aus Schreibgriffel und Tintenfass ist auch im Grab 4ab aus Günzenhausen85 nachgewiesen. Die Zuweisung ist hier nicht unproblematisch, da zwei Individuen bestattet waren und sich die Grabbereiche im Befund nicht trennen lassen. Die Funde sind zwar jeweils der einen Urne zugeordnet worden, dies lässt sich aber nicht sicher bestätigen. Aufgrund der untersuchten Knochen lässt sich Grab 4a einer juvenilen Person ohne Geschlechtsangabe zuweisen, Grab 4b hingegen einer frühmaturen, eher weiblichen. Sowohl der einfache Eisenstilus, als auch das bronzene Tintenfass mit dem gestempelten Meisterzeichen EX · OFI · VM werden dem Bereich der Bestattung 4a zugeordnet. Aufgrund des Befundes lässt sich weder ausschliessen noch bestätigen, dass die Objekte mit einer weiblichen Person in Verbindung zu bringen sind86.
Ohne Tintenfass, dafür mit mindestens zwei eisernen Schreibfedern und zahlreichen weiteren Beigaben, ist das Grab 2 aus Nersingen-Unterfahlheim ausgestattet8.. Hervorzuheben sind vor allem vier reinsilberne Stili, von denen zwei mit einem Astragal und einer mit unregelmässiger Riefung verziert sind und einer eine gefaste Oberfläche aufweist. Ihre Spitzen sind abgebrochen, die Spatelenden aber noch zu erkennen. Da sie alle miteinander verschmolzen sind, waren sie wohl in einem Etui untergebracht, welches bei der Kremation verbrannte. Eine massive Löwenkopftülle aus Bronze könnte vielleicht ein Messergriff und als solcher Teil des Schreibgeräts gewesen sein. Auch die plastischen Beinfragmente lassen sich nur hypothetisch als Teile von Schreibgerät ansprechen88.
Zwei ziemlich dicke eiserne Stili und ein Bronzemesser mit Eisengriff mit fischblasenartiger Aussparung aus Winchester, Grab 289 belegen die Schreibgerätbeigabe in England. Der vorliegende Spachtel entspricht nicht der bisher angetroffenen dreieckigen Form, könnte aber trotzdem zum Verstreichen von Wachs gebraucht worden sein. Für die bronzene Siegelkapsel sind mehrere exakte Parallelen bekannt.
Ihre Funktion im Grabkontext lässt sich heute nicht mehr bestimmen90. Das Grab ist reich mit Trinkgeschirr ausgestattet, was M. Biddle91 in der Kombination mit den Stili und den Spielsteinen zur Interpretation einer männlichen Bestattung bringt. Die anthropologische Bestimmung ergab aufgrund der feinen Knochen eine immature oder eine feingliedrige weibliche Person. Trinkgeschirr, wenn auch in geringerem Masse, und Spielsteine treten auch in weiblichen Bestattungen auf, wie Tab. 1 zeigt. Die Beigaben lassen sich nicht abschliessend einem Geschlecht zuordnen.
Gräber, welche von den Schreibgeräten für Tinte als einzigen Vertreter ein Federmesser aufweisen, sind nur mit Vorsicht zu den doppelten Schreibgarnituren zu zählen, da die Messer nicht ausschliesslich zum Anschneiden der Federn benutzt wurden. Ein solcher Fall ist die Brandbestattung einer Frau aus Badenheim in Grab 4392.
Vom Eisenmesser ist nur die (fragmentierte) Klinge vorhanden. Der eiserne Wachsspachtel und der Stilus belegen dagegen das Schreiben auf Wachstafeln93. Auch hier wurden Essund Trinkgeschirr beigegeben, ebenso wie eine Eisenschere. Das Grab aus tiberischer Zeit belegt schon früh die Verwendung der römischen Schrift im einheimischen Milieu94.
Ebenfalls recht früh, und zwar in die Zeit kurz nach 50 n. Chr., datiert das Grab 90 aus Hérapel95. Die anthropologische Bestimmung als Frau wird von den Beigaben bestätigt96. Ein Stilus aus Eisen und ein kleines Messer mit fischblasenartiger Aussparung belegen die Schreibtätigkeit. Essund Trinkgeschirr aus Terra Nigra, Terra Rubra, Terra Sigillata und Gebrauchskeramik sowie eine Eisenschere runden das Beigabenspektrum ab.
In einem Brandgrab aus Nîmes97 hat sich ein aussergewöhnliches Polyptychon erhalten. Es besteht aus sieben Tafeln aus Knochen, von denen fünf auf beiden Seiten für die Aufnahme von Wachs eingetieft sind. Die Decktäfelchen sind mit 4 mm dicker als die andern und nur auf der innenliegenden Seite tiefer gearbeitet. Eines davon, wohl die Frontseite, ist durch einen Steg horizontal in zwei ungleich grosse Bereiche geteilt, wobei der kleinere oben liegt. Vielleicht wurde hier ein Name oder Titel eingetragen. Zwei Löcher an der Längsseite belegen die Bindung der Tafeln98.
Ein ganz aussergewöhnliches Grab ist das sog. Kindergrab des Berliner Arztes aus Rom99. Fast 140 Objekte wurden beigeben100. Zwei aus Bronze gegossene Tintenfässer belegen das Schreiben mit Tinte. Die Deckel sind nicht erhalten, waren aber wohl mit einem Scharnier befestigt. Die Lötspuren an der Wandung lassen G. Platz-Horster auf Henkel schliessen, es könnte sich aber auch um ein Doppeltintenfass gehandelt haben101. Im Grab hat sich auch eine elfenbeinerne Wachstafel erhalten, ein seltener Fund. Sie ist auf beiden Seiten eingetieft mit je einer kleinen viereckigen Erhebung in der Mitte. Das und die drei Paare feiner Löcher im seitlichen Rand zeigen, dass sie ursprünglich zu einem Triptychon gehörte. Die Miniaturgefässe, welche keine kompletten Geschirrsätze bilden und in unterschiedlicher Qualität und Technik gearbeitet sind, sowie die Fingerringe führen G. Platz-Horster102 zur Annahme einer Bestattung einer jungen erwachsenen Frau.
Auffällig ist das recht ausgeglichene Bild: Zehn Gräber sind mit Instrumenten für das Schreiben mit Tinte ausgestattet, zwölf mit solchen zum Einritzen in Wachs und vierzehn mit Elementen beider Techniken. Chronologische Tendenzen zur Verteilung lassen sich kaum ausmachen. Es fällt aber auf, dass der grösste Teil der Gräber in das 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. datiert. Auch scheinen viele der Gräber in der Nähe des obergermanisch-raetischen bzw. des Donau-Limes zu liegen103. Ob hier ein direkter Zusammenhang besteht oder bloss der Forschungsstand wiedergegeben wird, müsste anhand von weiteren Funden überprüft werden.
Die Schreibgerätfunde aus Frauenbestattungen stammen alle aus relativ reichen Gräbern, was einen Hinweis auf die schriftkundige Bevölkerung gibt. Die Elfenbeinkästchen, Silberspiegel, Goldund Bernsteinbeigaben zeugen von grossem Reichtum. Da aber in einfacheren Gräbern manchmal keine geschlechtsspezifischen Beigaben vorhanden sind und beispielsweise ein einfacher, stark korrodierter Stilus auch nicht immer als solcher erkannt werden kann, lässt sich nicht ausschliessen, dass auch Frauen, welche nicht der Oberschicht angehörten, mit Schreibgeräten bestattet wurden. Ausserdem ist anzunehmen, dass weniger wohlhabende Leute eher Schreibgeräte aus günstigeren, organischen Materialien benutzten.
Die Beigabe von Stilus, Schreibfeder und Ähnlichem belegt Wichtigkeit und Bedeutung der Schreibfähigkeit für die verstorbene Person. Anders als bei Grabdarstellungen, bei welchen Stilus-Darstellungen oft nur als Symbol für Bildung104 angesehen werden, gibt es bei den Grabbeigaben einen direkten Bezug zu der verstorbenen Person. Besonders wenn das Schreibgerät in einem Kästchen beigegegeben war105, konnte es nicht bloss Repräsentationszwecken dienen, da es während der Bestattungszeremonie gar nicht sichtbar war. Es musste also eine ganz individuelle Bedeutung gehabt haben. Im Umkehrschluss kann man aber nicht einfach annehmen, dass fehlende Schreibmaterialbeigaben auf einen fehlenden Bezug der Verstorbenen zur Schrift hinweisen.
GESCHRIEBENES VON FRAUEN
Neben den Schreibgeräten lassen sich auch Textzeugnisse auf weibliche ‘Autoren’ zurückführen. Die einfachste Form ist dabei das Anbringen des eigenen Namens auf einem Objekt. Seit der archaischen Zeit gehören Personennamen zu den ältesten und häufigsten Graffiti im Mittelmeergebiet106 und sind auch in den römischen Provinzen aus allen Gesellschaftsschichten belegt107. Mit ihnen lassen sich zwar Aussagen über die betreffende Person machen, etwa über ihre Herkunft, doch als Quellen zum Grad der Literalität sind sie nur bedingt zu nutzen. Sie belegen zwar die Bekanntheit der Schrift, doch setzen sie weder Grammatik noch Vokabular voraus.
Die in der römischen Gesellschaft weit verbreiteten Briefe sind da sehr viel anspruchsvoller108. Sie wurden vom Absender selbst oder von einem Sekretär oder Schreiber auf Papyrus, Wachstäfelchen oder Holzplättchen geschrieben109. Aus dem römischen Legionslager von Vindolanda (GB) sind sechs mit Tinte auf Holztäfelchen geschriebene Briefe erhalten, die die Korrespondenz von Frauen belegen110. Mehrere davon weisen dieselbe Handschrift auf, welche auch auf weiteren Täfelchen erhalten ist. Sie gehörte wohl einem Schreiber. Besonders interessant sind die Grussworte, welche bei einigen Täfelchen in einer anderen Handschrift zum Schluss des Textes angefügt sind. Vermutlich wurden sie von Claudia Severa, der Absenderin, persönlich angefügt. Auch die Empfängerin war weiblich111. Im Militär und somit auch in dessen Umfeld ist mit einer erhöhten Verbreitung der Schrift zu rechnen112. Ausserdem waren die Erhaltungsbedingungen in Vindolanda besonders günstig. Ob solche Briefwechsel auch in Zivilsiedlungen vorhanden waren, wird sich vielleicht mit weiteren Grabungen zeigen.
Auch bei den weit verbreiteten Graffiti auf römischen Hauswänden gibt es solche, welche weibliche Urheberinnen haben. Erkennbar sind diese nur, wenn die ‘Sprecherin’ angegeben ist; ein Literaturzitat oder Alphabet lässt sich nicht zuweisen. Aus der repräsentativen Auswahl von 1000 Stück durch V. Hunink113 lassen sich neun114 als Grussworte von Frauen und vier115 allgemein als ‘von Frauen gesprochen’ klassifizieren. Dem stehen 43 Inschriften, welche eine Frau grüssen, gegenüber116. Dazu kommen 17 weitere Inschriften, welche Frauen ansprechen oder zu etwas auffordern117. Von Frauen selbst geschriebene Texte machen also einen relativ geringen Teil der Wandinschriften aus, belegen aber mit der deutlich grösseren Zahl von an sie gerichteten Botschaften, dass auch für sie das Kommunizieren über die Wände nicht unüblich gewesen sein wird. Aufgrund der lebensnahen und spontanen Inhalte scheinen die Texte nicht auswendig gelernt oder im Auftrag anderer Personen verfasst worden zu sein, wie S. Mano118 feststellt. Möglicherweise handelte es sich um Mädchen, welche nicht zur Oberschicht gehörten. Jene hatten zwar die grösste Chance auf eine Ausbildung in Lesen und Schreiben, waren aber ausserhalb des Hauses fast immer unter Aufsicht und hatten so wenig Gelegenheiten, ihre Gedanken auf den Wänden zu verewigen. Einige Inschriften lassen sich ausserdem klar dem Gebiet der käuflichen Liebe zuweisen119.
GESCHRIEBENES FÜR FRAUEN
Von den zahlreichen im Römischen Reich bekannten Alltagsgegenständen mit Inschriften gibt es eine ganze Reihe von Objekten und Objektgruppen, die sich mit Frauen in Verbindung bringen lassen. Das sind zum einen solche, die der weiblichen Sphäre zuzuordnen sind wie Spinnwirtel, Webgewichte oder Spiegel und andererseits solche, die sich mit ihrer Inschrift direkt an eine Frau wenden oder sich auf sie zurückführen lassen. Ihnen allen gemeinsam ist die Tatsache, dass sie von Handwerkern während des Herstellungsprozesses beschrieben wurden, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit von den Frauen gelesen werden konnten.
Eine kleine Gruppe von 26 Schiefer-Spinnwirteln aus dem Zeitraum des 1. – 3. Jahrhundert n. Chr. wurde in Autun hergestellt und an verschiedenen Orten, grösstenteils im zentralen Gallien gefunden120. Die meist bikonischen Objekte sind in zwei umlaufenden Zeilen mit lateinischen Grossbuchstaben beschrieben. Sie sind in rein lateinischer, in lateinisch-gallisch-gemischter oder in rein gallischer Sprache geschrieben und teilweise mehrdeutig.
Die lateinischen Inschriften sind relativ einfach zu lesen. Sie wenden sich mit Grussworten (SALVE, AVE), einem Kompliment (BELLA TU) oder einer Aufforderung (AC CEDE – komm her) direkt an die weibliche Besitzerin. Manche Wörter besitzen aber eine zusätzliche Bedeutung als Eigenname, beispielsweise BELLA. Spinnwirtelinschriften, welche gallisch/keltische und lateinische Wörter beinhalten, bieten mehrere Lesemöglichkeiten: Da manche Wörter sowohl keltisch als auch lateinisch gelesen werden können und zusätzlich auch als Personennamen belegt sind, bietet sich eine Fülle von Wortspielen an. Das Beispiel der Textzeile NATA VIMPI121 zeigt dies schön: Nata ist eine Variante von Gnatha für Mädchen, was ebenfalls auf den Spinnwirteln belegt ist, und kann auf gallisch auch Faden/Garn bedeuten122. Vimpi leitet sich vom gallischen gwymp für hübsch/schön ab und kann als Adjektiv oder Substantiv verwendet werden. Zudem ist Vimpus als gallischer männlicher Eigenname belegt, der hier im Genitiv steht. Gemeint ist also des Vimpus, was meist mit Tochter umschrieben wird. Möglich wäre ausserdem eine Imperativform von spinnen123. So ergeben sich für die Einfache
gallische Wortfolge NATA VIMPI folgende Lesearten: Schönes Mädchen. Nata, meine Schöne oder schöne Nata. Nata, Tochter des Vimpus (ergänzt aus Nata des Vimpus) und Spinne deine Fäden/dein Garn. Diese wurde mit einer zweiten Textzeile ergänzt, beispielsweise POTA VI(NV)M . trinke Kraft oder (ergänzt) trinke Wein oder als vergangene Form ich wollte trinken124.
Abb. 3 S-förmige Fibel aus einem Grab aus Treignes mit der Inschrift ESCIPE SI AMAS
Das Spektrum der kleinen Inschriften reicht von einfachen Grussworten, der Sphäre des Spinnens über den bacchischen Kontext hin zur Liebeswerbung und eindeutig erotischen Texten. Durch die Mischung der Sprachen und das bewusste Offenlassen von Adressat und Empfänger werden sie sehr mehrdeutig und waren wohl schon in der Antike nicht ganz einfach zu verstehen.
Ein ähnliches Phänomen lässt sich bei den zahlreichen Kleininschriften auf Schmuckgegenständen wie Fibeln oder Ringen beobachten125. Auch hier gibt es einfache Grussworte, kleine Texte aus der Liebeswerbung oder solche mit erotischem Inhalt. Vermutlich handelt es sich hierbei um Geschenke zwischen Mann und Frau, wobei nicht immer klar ist, welches Geschlecht die schenkende und welches die empfangende Person hat. Ein sehr schönes Beispiel ist eine S-förmige Fibel aus einem Grab aus Treignes (Abb. 3)126. Sie wurde als Teil eines Fibelpaares gefunden und gehörte somit vermutlich zur Tracht einer Frau. Die Inschrift ESCIPE SI AMAS . Nimm [es] an, wenn du [mich] liebst zeigt schön die Funktion als Liebespfand. Inschriften dieses Typs sind bei Geschenken zwischen Männern im Römischen Reich nicht zu erwarten. Bei einem Geschenk zwischen Mann und Frau ist aber anzunehmen, dass beide Parteien die Inschrift lesen konnten. Ansonsten wäre der höhere Preis, welcher sicher durch den zusätzlichen handwerklichen Aufwand verursacht wurde, nicht gerechtfertigt gewesen. Ein rein dekorativer Charakter der Schrift erscheint wegen der geringen Buchstabengrösse und der Anbringungsweise wenig wahrscheinlich. So können diese Kleinobjekte, auch wenn sie sich nicht immer zweifelsfrei als ‘Geschriebenes für Frauen’ einordnen lassen, doch einen Hinweis auf die Lesefähigkeit geben.
Über die soziale Stellung der Besitzer lässt sich nur wenig aussagen. Einzig für die doppeldeutigen Inschriften aus dem bacchisch-erotischen Kontext wurden Schankmädchen vorgeschlagen, welche von ihren Kunden beschenkt worden waren. Auch diese Meinung blieb aber nicht ohne Gegenstimmen127. Gerade die in Autun hergestellten Spinnwirtel, welche bis in die Schweiz und nach Österreich exportiert wurden, aber auch die Schmuckobjekte zeigen, dass es sich hier wohl nicht um einfache Alltagsgegenstände, sondern um wertvolle Kleinobjekte gehandelt hat. Trotzdem kann man nicht ohne weiteres auf die Oberschicht schliessen. Ein Goldarmband in Form einer Schlange aus Pompeji trägt auf der Innenseite die Inschrift DOM(I)NV? ANCILLIAE SVAE, ist also eine Widmungsinschrift des Herrn an seine Sklavin128. Die Frau, welche es zum Zeitpunkt ihres Todes getragen hat, wurde in einer Taverne gefunden, was P. G. Guzzo und V. Scarano Ussani129 veranlasste, sie als Prostituierte anzusprechen. Auch Prestigeobjekte lassen also nicht immer einen Schluss auf den sozialen Stand der Besitzer zu.

ZUR LITERALITÄT
Die Forschungsmeinungen zur Verbreitung der Schreibund Lesefähigkeit der römischen Gesamtbevölkerung variieren sehr stark. Sie reichen von unter 15 % im römischen Italien und generell unter 5–10 % in den westlichen Provinzen130 zu der Annahme, dass »die Inschriften von der Masse der einheimischen Bevölkerung gelesen und verstanden werden konnten«131.
Bei der Betrachtung der bekannten Schriftträger fällt auf, dass diese aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen: Steininschriften mit politischen oder gesetzlichen Inhalten, Grabinschriften, welche von Privatpersonen angefertigt wurden, Graffiti auf Wänden, Inschriften auf Alltagsgegenständen und Handelswaren, Briefe und weitere Objekte. Zusammen mit dem Wissen um den sehr unterschiedlichen Bildungsgrad, welchen das römische Schulsystem nach sich zog – je nachdem, wo und in welcher sozialen Schicht eine Person gelebt hat – lässt diese Vielfalt darauf schliessen, dass auch die Literalität verschiedene Facetten aufweist.
Die Vielfalt der hier behandelten Objekte lässt sich nur schwer einer spezifischen Personengruppe oder sozialen Schicht zuweisen. Die Briefe aus Vindolanda stammen aus dem Milieu der militärischen Elite und auch die reich ausgestatteten Gräber weisen auf eine gehobene Schicht. Mit den Grabinschriften der Sklavinnen aus Rom und mindestens einer Wandinschrift einer Prostituierten sind aber auch die untersten Schichten als leseund schreibfähige Individuen erfasst. Freigelassene zählen nur bedingt zu dieser Gruppe, da sie zwar von niederem Rang, aber trotzdem vermögend sein konnten. Beschriftete Kleinobjekte aus den Provinzen besitzen im Vergleich zu unbeschrifteten einen gewissen Mehrwert, auch materieller Art. Es gibt aber keine Hinweise, dass sie dadurch nur für Reiche erschwinglich gewesen wären. Auch heute gibt man zu speziellen Anlässen gerne etwas mehr Geld aus, um sich dafür etwas ganz Spezielles zu leisten. So ist etwa ein Diamantring zur Verlobung kaum eine Referenz zum sonstigen Schmuck einer Frau oder allgemein ihrem gehobenen Lebensstandard. Vielleicht wurden auch die beschrifteten Spinnwirtel oder Spiegel als etwas Exklusives für eine besondere Gelegenheit gekauft. Es gibt also aus allen sozialen Schichten Hinweise auf lesende und schreibende Frauen, wobei die privilegierteren Schichten stärker vertreten sind.
Daraus auf den allgemeinen Alphabetisierungsgrad zu schliessen, ist schwierig. Aufgrund seiner Untersuchung von Inschriften auf Kleinobjekten kommt W. V. Harris zum Schluss, dass vor allem Leute aus den höheren Schichten, dem Militär und solche mit Verbindungen zum Handel lesen und schreiben konnten und dass sich ihre Fähigkeiten auf ihr jeweiliges Fachgebiet beschränkt hätten132. Dieser Meinung kann nicht uneingeschränkt zugestimmt werden, da er sich ausschliesslich auf Herstellermarken und andere kurze Texte aus der Grossproduktion wie Amphorenmarkierungen konzentriert. Die zahlreichen Schmuckgegenstände, nachträglich angebrachten Besitzermarkierungen und weiteren Inschriften aus dem privaten Umfeld werden nicht behandelt. Dass sie aber in nicht geringer Zahl vorhanden waren, konnte die vorliegende Untersuchung zeigen. Der grössere Arbeitsaufwand und die daraus folgende Wertsteigerung weisen meiner Meinung nach darauf hin, dass den kurzen Texten durchaus eine Bedeutung zugestanden wurde. Es handelt sich bei ihnen gerade nicht um fachspezifische Inhalte, sondern um Schrift im Alltag. Grüsse auf Briefen und Komplimente auf Schmuckstücken wollten gelesen werden, auch wenn sie keinen konkreten Nutzen haben. C. Öllerer geht dagegen für das Gebiet des heutigen Österreichs in römischer Zeit von einem höheren Alphabetisierungsgrad aus133. Er hat insbesondere auch Schreibgeräte, ihre Fundorte und Kleinobjekte mit Inschriften untersucht. Da diese, wie auch die Steininschriften im betreffenden Gebiet, zahlreiche Fehler aufwiesen, waren zwar vermutlich die Buchstaben und die grundlegende Grammatik bekannt, die Schreibweise aber relativ individuell gehandhabt worden. Man kann hier von einer Literalität mit konkretem Nutzen ausgehen, welche weniger auf eine intellektuelle Bildung ausgelegt war. Das Verstehen von kurzen Texten im Alltag war entscheidend, nicht das Studium von Philosophen und Dichtern.
In diesen Bereich lassen sich auch die Schriftträger für und Schreibgeräte von Frauen einordnen, welche hier behandelt wurden. Weniger als Zeichen einer hochstehenden literarischen Bildung, als vielmehr einer Schriftlichkeit im Alltag, welche ursprünglich einen konkreten Zweck verfolgte und später auch für kleine Botschaften im privaten Rahmen benutzt wurde.
Mit der Bearbeitung von weiteren Grabkontexten und der Ausweitung der Untersuchung auf zusätzliche Materialgattungen soll im Rahmen meiner Dissertation an der Universität Bern das Phänomen der Frauen, die Lesen und Schreiben konnten, weiter erforscht werden.

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