
Die Digitalisierung schreitet auch im ABD-Bereich voran. Sie ermöglicht einerseits neue Lösungen, andererseits stellt sie uns vor neue Herausforderungen. Das Potenzial neuer Ansätze und deren Grenzen zeigt der Beitrag von Lynn Zimmermann auf. Sie beschreibt ihre Erfahrungen aus einem Pilotprojekt zur automatischen Erschliessung grosser Dokumentenbestände mit Hilfe von auf Data Science basierenden Ansätzen. Der Beitrag von Ursula Kähler wiederum erläutert, worum es beim Aufbau eines Repositoriums von nur noch digital vorliegender grauer Literatur geht. Zwei weitere Beiträge widmen sich Problemen, die aufgrund der Digitalisierung entstanden sind bzw. sich dadurch verschärft haben, und stellen Lösungen dafür vor, die ohne Digita- lisierung wiederum nicht möglich wären: Angela Gastl-Hartmann befasst sich mit der Archivierung von Forschungsdaten, die im Rahmen von Open Science zunehmend wichtiger wird, während Janett Seewer sich mit der Archivierung von CAD-Plänen auseinandersetzt und u. a. damit konfrontiert ist, dass kein herstellerunabhängiges Standardformat existiert. Eine ganz grundlegende Frage behandelt Marcel Küchler in seinem Beitrag. Man würde annehmen, es sei zumindest in der Gesetzgebung klar definiert, was unter Daten zu verstehen ist, doch zeigt sich, dass dies nicht der Fall ist. Da Daten die Basis für jegliche Digitalisierung sind und die Gesetze das legale Fun- dament dafür bilden, besteht hier Klärungsbedarf. Der Autor formuliert schliesslich eigene Gedanken für eine rechtlich sinnvolle Fassung des Datenbegriffs.
Die einzelnen Beiträge werden im Folgenden näher vorgestellt.
Ansätze zur computergestützten Erschliessung von gleichförmigen Massenakten von Lynn Zimmermann
Die Erschliessung grosser Mengen analog vorliegender Akten kann Archive vor er- hebliche Ressourcenprobleme stellen. Eine Unterstützung durch automatisierte Ver- fahren wäre eine willkommene Erleichterung. Basierend auf den Erfahrungen mit der Digitalisierung und Erschliessung einer Kartei über die Grossratsmitglieder des Kan- tons Thurgau untersucht der Beitrag von LYNN ZIMMERMANN, heute wissen- schaftliche Archivarin im Staatsarchiv des Kantons Zürich, die Praxistauglichkeit be- stehender computergestützter Verfahren. Spezielle Herausforderungen waren dabei
das nicht einheitliche Layout der Karteikarten, wodurch bestimmte Informationen nicht immer an derselben Stelle aufzufinden waren, sowie die Beschriftung der Kar- teikarten sowohl durch Schreibmaschine als auch mit handschriftlichen Bleistiftan- merkungen.
Die im Rahmen des Pilotprojekts automatisch zu erschliessende Information soll pro Karteikarte neben dem Namen des betreffenden Grossratsmitglieds auch An- gaben zu seiner Herkunft und zur Zeitspanne, in welcher die Person im Grossen Rat sass, umfassen. Diese Angaben sollen grammatikalisch korrekte Phrasen für den Dos- siertitel bilden und nicht einfach nur Wortaufzählungen sein.
Die für die Erschliessung eingesetzte Software basiert auf Verfahren des ma- schinellen Lernens, lernt somit ein Erkennungsmodell anhand einer Menge manuell transkribierter und erschlossener Karteikarten. Dieses Modell ist somit spezifisch an die zu leistende Aufgabe angepasst. Nach Durchlauf aller Prozessschritte wurden die Dossiertitel in ein Archivinformationssystem importiert. Es zeigte sich, dass einige Titel praktisch fehlerfrei erzeugt wurden, die Mehrzahl jedoch eine hohe Fehlerrate aufweist. Die Autorin analysiert die Gründe dafür und leitet aus den gewonnen Er- kenntnissen Vorschläge ab, wie man den Erschliessungsprozess – im konkret betrach- teten Fall sowie ganz allgemein – besser angeht und dabei auch die zur Verfügung stehenden personellen und finanziellen Ressourcen berücksichtigt.
Ein digitales Repositorium für graue Bernensia. Umfeldanalyse und praktische Empfehlungen für digitale Publikationen in der Bernensia- Sammlung an der Universitätsbibliothek Bern von Ursula Kähler
Der Anteil rein online erscheinender Publikationen steigt stetig, so auch im Bereich der grauen Literatur. Dies stellt Bibliotheken mit dem Auftrag, das dokumentarische Erbe eines geographisch festgelegten Raumes zu sichern, vor besondere Herausforde- rungen. Dazu zählen der langfristige Erhalt des ursprünglichen Erscheinungsbildes einer Publikation sowie die lückenlose Sammlung auch bei fehlender Pflichtabgabe. Der Artikel von URSULA KÄHLER, Filmwissenschafterin und frühere Mitarbeiterin der Fachstelle Historische Bestände ZHB der Universitätsbibliothek Bern, beleuchtet die Problematik und stellt die Erfahrungen vor, die im Rahmen eines Pilotprojekts für den Aufbau und Betrieb eines digitalen Repositoriums für graue Literatur an der Uni- versitätsbibliothek Bern gesammelt wurden.
Die Autorin erörtert zunächst das aktuelle Bernensia Sammelkonzept der Uni- versitätsbibliothek Bern, das zurzeit noch eine klare Ausrichtung auf Print-Medien hat, aber auf digitale Medien erweitert werden soll. Die Darstellung wird ergänzt um eine Beschreibung der bestehenden bzw. geplanten Sammelpraxis für digitale Regio- nalia und ihres Zugriffs über entsprechende Portale an einigen anderen ausgewählten Bibliotheken.
Schliesslich stellt der Beitrag ein Pilotprojekt für den Aufbau und Betrieb eines digitalen Repositoriums für graue Bernensia an der Universitätsbibliothek Bern vor. Die Autorin beschreibt, wie graue Bernensia überhaupt begrifflich zu fassen sind, welche Medien im Pilotprojekt berücksichtigt wurden, die Nutzung bereits vorhande- ner technischer Infrastruktur sowie das Management des Sammlungsprozesses.
Bewertung und Archivierung von Forschungsdaten als neues Arbeitsgebiet für Hochschularchive von Angela Gastl-Hartmann
Das professionelle Management von Daten ist auch in Forschungsprojekten heutzu- tage eine Notwendigkeit. Dies betrifft alle Daten, die während eines Forschungspro- jekts gesammelt, beobachtet oder erstellt wurden. Ein Teil dieser Forschungsdaten bleibt über das Projektende hinaus relevant und sollte der Wissenschaftsgemeinschaft zur Verfügung stehen, um die Forschungsergebnisse überprüfen und nachvollziehen, aber auch um für weitere Forschungsaktivitäten darauf aufbauen zu können. Damit gewinnt das Thema der Forschungsdatenarchivierung zunehmend an Wichtigkeit.
Der Beitrag von ANGELA GASTL-HARTMANN, wissenschaftliche Archi- varin im Hochschularchiv der ETH Zürich, untersucht zunächst, inwieweit Hoch- schulbibliotheken und -archive diese Aufgabe schon übernehmen. Es zeigt sich, dass Bibliotheken vor allem im Rahmen von Open Access auch die Publikation von For- schungsdaten als Ergänzungen zum eigentlichen Artikel unterstützen. Der Übergang von Open Access zu Open Research Data bzw. Open Science ist hier fliessend. Da- gegen übernehmen die Hochschularchive zurzeit nur in wenigen Ausnahmefällen eine aktive Rolle in der Archivierung von Forschungsdaten.
Ausgehend vom beschriebenen Status Quo diskutiert die Autorin verschiedene Kooperationsszenarien für die Forschungsdatenarchivierung und leitet daraus an- schliessend konkrete Handlungsempfehlungen ab. Neben den Hochschulbibliotheken und -archiven kommen hier als Partner auch die Hochschulrechenzentren sowie schon etablierte, externe Fachrepositorien in Frage.
Ein PDF, und fertig? Überlegungen zur digitalen Archivierung von CAD- Plänen von Janett Seewer
Die Planung von Bauprojekten erfolgt seit längerem mit Hilfe von Computer Aided Design (CAD), welches mannigfaltige Vorteile bietet. Eine Archivierung solcher CAD-Pläne kann sehr nützlich sein, wenn Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt ver- ändert werden sollen. Hierfür ist eine digitale Archivierung hilfreicher als das Papier- format, da auf einer digitalen Version idealerweise weitergearbeitet werden kann. Da- neben kann eine Archivierung von Plänen bestimmter Gebäude auch zur Dokumen- tation von Technikgeschichte sinnvoll sein. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag von JANETT SEEWER, heute Leiterin des Archivs der Universität St. Gallen, der
Frage nach, welche digitalen Formate sich für die Archivierung von CAD-Plänen eig- nen.
Es würde nahe liegen, ein offenes, herstellerunabhängiges Format für die Ar- chivierung zu verwenden. Da ein solches Standardformat bislang nicht existiert, müs- sen andere, möglichst gängige Formate gewählt werden. Die Autorin untersucht die aktuelle Praxis in verschiedenen Archiven und betrachtet die ganz unterschiedlichen Bedürfnisse einzelner Benutzergruppen, z.B. die interessierte Öffentlichkeit oder Mit- arbeitende eines staatlichen Hochbauamtes.
Schliesslich analysiert die Autorin auf der Basis signifikanter Eigenschaften von CAD-Modellen verschiedene in Frage kommende Dateiformate im Hinblick auf ihre jeweilige Eignung und diskutiert ihre Vor- und Nachteile. Signifikante Eigen- schaften sind z.B. die Speicherung geometrischer Volumen- und Flächenmodelle im Vektorformat oder die Darstellung von Oberflächeneigenschaften. Es bietet sich eine Kombination mehrerer Dateiformate zusätzlich zum Originalformat an, das man na- türlich so lange wie möglich aufbewahren sollte.
Daten als Gegenstand des Rechts von Marcel Küchler
Im Rahmen der Digitalisierung, die mittlerweile praktisch alle Gesellschaftsbereiche erreicht hat, spielen Daten die zentrale Rolle – einerseits als Rohstoff und Treiber der Digitalisierung, andererseits als Ergebnis entsprechender Prozesse. Als wichtige wirt- schaftliche Ressource sind Daten naturgemäss auch Gegenstand rechtlicher Fragen. Der Beitrag von MARCEL KÜCHLER, heute wissenschaftlicher Bibliothekar am Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich, geht deshalb der Frage nach, ob es überhaupt einen rechtlich verbindlichen Datenbegriff gibt. Dazu betrachtet der Autor, welcher Datenbegriff bestehenden Gesetzen zugrunde liegt, und fahndet in den Rechtswissenschaften, der Informatik und der Informationswissenschaft nach einem einheitlichen Verständnis des Begriffs.
Es zeigt sich, dass der zunächst als klar fassbar erscheinende Begriff von Daten viele Facetten und Bedeutungsvarianten hat, die es zu berücksichtigen gilt. Beispiels- weise verwendet das Datenschutzgesetz der Schweiz einerseits einen Datenbegriff, der ihre Speicherung auf einem Datenträger voraussetzt, andererseits wird aber auch von Daten ganz allgemein gesprochen, unabhängig davon, ob sie in einer gespeicher- ten Form vorliegen. Im letzteren Fall sind im Grunde eher Fakten oder Tatsachen ge- meint. Die zum Teil gleichzeitige Verwendung des Begriffs Daten in unterschiedli- chen Bedeutungsvarianten macht es schwer, ihn für den juristischen Kontext genauer zu fassen.
Auch ein Blick in die Rechtswissenschaft hilft bei der Klärung des Datenbe- griffs nicht weiter. In neuerer Zeit entstandene Definitionen zeigen ein recht unter- schiedliches Verständnis, z.B. darüber, ob Daten maschinenlesbar auf Datenträgern
vorliegen müssen und ob sie nur in ihrer digitalisierten Form als Daten anzusehen sind. Wenig zielführend sind Definitionen, die andere, ebenso ungeklärte Begriffe heranziehen, z.B. indem Daten als bestimmte Arten von Information definiert werden. Schliesslich untersucht der Autor, inwieweit die Disziplinen der Informatik und In- formationswissenschaft einen einheitlichen Datenbegriff kennen, wird jedoch auch dort nicht fündig, wenngleich sich vereinzelt klare Abgrenzungen der Begriffe Daten, Information und Wissen finden.
Aufbauend auf den zusammengetragenen Erkenntnissen erweitert und vertieft Marcel Küchler die Diskussion und formuliert schliesslich Aspekte, die aus seiner Sicht für eine rechtlich sinnvolle Fassung des Datenbegriffs zu berücksichtigen sind.