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„Frische Brot, lecker Brot, taze Brot“ – Eigene Muster in der Adjektivverwendung auf einem mehrsprachigen Wochenmarkt*
„Frische Brot, lecker Brot, taze Brot“ – Eigene Muster in der Adjektivverwendung auf einem mehrsprachigen Wochenmarkt*
Linguistik online, vol. 115, núm. 3, pp. 119-147, 2022
Universität Bern

Abstract: In this study, I am going to show that speakers at a multilingual urban street market in Berlin established own patterns for the use of attributive adjectives in German. Besides perfectly cano- nical patterns for adjectival inflection and linearization, the data contain instances where unin- flected adjectives precede or follow the noun (normal Pide, ‘regular pita bread’; Weintrauben lecker, ‘grapes delicious’) or where adjectives are inflected with a reduction morpheme -e (türkische Mokka, ‘Turkish mocha’). I am showing that these patterns occur highly systematic. Concerning the question of what factors might have influenced the emergence of these patterns, I argue that speakers pick up typological and language-internal tendencies and apply these to new grammatical contexts. The linguistic diversity at the market as the site of these linguistic developments plays a central role for that.
1 Einleitung
In der Sprachlandschaft des Maybachufermarktes, eines mehrsprachigen urbanen Straßen- marktes in Berlin-Neukölln, lassen sich Verwendungsweisen für Adjektive beobachten, die aus Perspektive des Standarddeutschen abweichend sind, siehe (1)–(3).
In (1) wird ein unflektiertes Adjektiv seinem Bezugsnomen nachgestellt. Unflektierte Adjektive werden auch pränominal verwendet, wie lecker in (2). Darüber hinaus verwenden die Spre- cher:innen ein Reduktionsmorphem -., wie frische in (2) und syrische in (3). Neben solchen Mustern verfügen die Sprecher:innen auch über standarddeutsche Flexionsmuster wie in (4).
Diese Muster, die auf den ersten Blick wie Phänomene unvollständigen Deutscherwerbs er- scheinen mögen, werfen spannende Perspektiven auf, die in dieser Studie besprochen werden.
Im Verlauf des Aufsatzes zeige ich, dass die Sprecher:innen auf dem Markt ein kohärentes System mit eigenen Regeln zur Adjektivflexion entwickelt haben. Wenn man solche neuen Systeme beobachtet, stellt sich die Frage, wie sie zustande gekommen sind. Dazu werde ich argumentieren, dass die Sprecher:innen dafür typologische und innersprachliche Tendenzen aufgreifen und z. T. in neuen Bereichen anwenden. Die Vielfalt an sprachlichen Ressourcen in der Sprecher:innengemeinschaft spielt dabei eine zentrale Rolle.
Nach einer Beschreibung des Maybachufermarktes und einiger sprachlichen Routinen, die dort zu beobachten sind (Kapitel 2) und in die sich die Beobachtungen zur Adjektivverwendung einbetten, analysiere ich in Kapitel 3 die Verwendung von Adjektiven auf diesem Markt und zeige, dass sich dort ein eigenes System mit eigenen Regeln entwickelt hat. Dazu beschreibe ich die Verwendung unflektierter, nachgestellter Adjektive (3.1), unflektierter vorangestellter Adjektive (3.2) sowie die Flexion mit dem Reduktionsmorphem -. (3.3). Für jedes dieser Mus- ter diskutiere ich verschiedene Faktoren, die ihre Ausprägung begünstigt haben können. Kapitel 4 fasst diese Arbeit zusammen, Kapitel 5 gibt einen Ausblick.
2 Sprachliche Diversität auf dem Maybachufermarkt
2.1 Der Maybachufermarkt
Neben seiner ganz praktischen Funktion als Handelsort ist der Maybachufermarkt mit seiner langen Tradition heute vor allem auch ein Ort der Begegnung. An der Grenze der beiden inner- städtischen Berliner Bezirke Kreuzberg und Neukölln, die besonders lebendig und multikultu- rell sind, werden entlang des Maybachufers auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals jeden Dienstag und Freitag in zwei Doppelreihen Verkaufsstände aufgebaut. Die Händler:innen bie- ten Lebensmittel, Street Food, Haushaltsartikel, Kleidung, Stoffe und vieles mehr an. Anwoh- ner:innen erledigen hier ihre Einkäufe, halten nach Schnäppchen Ausschau, Bewohner:innen aus anderen Bezirken und Tourist:innen spazieren über den Markt, probieren von den angebo- tenen Spezialitäten und genießen die lebendige Atmosphäre des Marktes.
Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Verbindung des Landwehrkanals zur Spree als Transport- weg für Obst und Gemüse genutzt, das mit sogenannten Äppelkähnen aus dem ländlichen Bran- denburg nach Berlin an die Ufer des Landwehrkanals gebracht und dort verkauft wurde. Nach- dem 1881 die ersten Stände auf dem Markt aufgebaut wurden und in den 1930er Jahren schon etwa 700 Händler:innen aus Brandenburg ihre Ware anboten, wurde dieser Handel durch den Bau der Berliner Mauer und die Trennung Brandenburgs, das nun zur DDR gehörte, und des Maybachufers in West-Berlin unterbrochen. Seit den 1970er Jahren wurde der Markt vor allem durch türkische Gastarbeiter:innen wiederbelebt, die sich nach Produkten aus ihrer Heimat sehnten und damit u. a. auf dem Maybachufermarkt handelten. Anfangs waren auch die Kund:innen vorwiegend Migrant:innen. Der Maybachufermarkt hatte sich vom Bauernmarkt zum „Türkenmarkt“ entwickelt, der sich insbesondere an bestimmte ethnische Gruppen rich- tete.1 Inzwischen ist der Maybachufermarkt zu einem hoch diversen Ort geworden, wo die bunte Vielfalt an Produkten und Besucher:innen gleichermaßen zur weltoffenen und interkul- turellen Atmosphäre des Marktes beitragen.
2.2 Sprachliche Routinen auf dem multilingualen Maybachufer märkt
Die Diversität der Menschen, die auf dem Maybachufermarkt aufeinandertreffen, bringt auch eine Vielfalt an sprachlichen Ressourcen mit sich, wodurch ein sprachlicher Ballungsraum mit unter- schiedlichsten sprachlichen Ressourcen und Varietäten entsteht. In Berlin-Neukölln haben 47,6% der Einwohner:innen einen sogenannten „Migrationshintergrund“ (Berlin LOR-Planungsräume, Stand 06.2017) und es gibt hier eine große türkisch-deutsche Community. Solche Orte werden u. a. in Vertovec (2007) und Blommaert/Rampton/Spotti (2011) mit dem Konzept von superdiversity gefasst.2 Derartige linguistische Ballungsräume sind häufig Entstehungsorte ortsspezifischer Re- pertoires, in denen Sprache fluide verwendet wird. Die zahlreichen linguistischen Ressourcen wer- den integrativ kombiniert, was García (2009) als translanguaging beschreibt. Grammatische Re- geln weichen auf und die Grenzen zwischen Sprachen verwischen.3 Solche sich ständig in Bewe- gung befindenden und integrativen linguistischen Praktiken, die Teil solcher Repertoires in mehr- sprachigen, urbanen Räumen sind, beschreiben Pennycook/Otsuji (2015) unter dem Begriff metro- lingualism. Zentral ist dabei nicht die Anzahl der Sprachen in einer Sprecher:innengemeinschaft bzw. in einem kommunikativen Setting, sondern wie an einem bestimmten Ort durch die kreative Nutzung und Integration der sprachlichen Ressourcen in der Interaktion neue Sprachen bzw. Vari- etäten entstehen. Vor allem urbane Räume sind häufig Orte für Sprachkontakt, wo Sprache inno- vativ verwendet und verändert wird und wo neue Varietäten entstehen können (cf. Wiese 2020).
Ein solcher Ort ist auch der Maybachufermarkt, auf dem das Projekt „Integration of linguistic resources in highly diverse urban settings: Stretching the limits of variability“4 des Potsdamer SFB 1287 „Limits of Variability in Language“ untersucht hat, wie und mit welchen Beschrän- kungen die sprachlichen Ressourcen auf dem Markt genutzt und integriert werden. Die Analy- sen der vorliegenden Studie basieren auf den rund 82 Stunden Audio- und Video-aufnahmen von realen Verkaufsinteraktionen, die an vier verschiedenen Marktständen aufgezeichnet wur- den: einem Obst- und Gemüsestand, einem Stand für türkisches Brot und Gebäck, einem Stand mit türkischem Mokka und Tee und einem Stand mit Textilien und Haushaltsartikeln. Darüber hinaus wurden in der Projektlaufzeit in verschiedenen Interviewformaten umfangreiche Informatio- nen über die (Sprach-)Biografien, Spracheinstellungen und linguistische Praktiken der Verkäufer:in- nen und Kund:innen auf dem Markt gesammelt. Es wurden außerdem (ethno-)linguistische Feldno- tizen zu Beobachtungen auf dem Markt angefertigt.
Den Verkäufer:innen und Kund:innen auf dem Maybachufermarkt steht eine breite Vielfalt an sprachlichen Ressourcen zur Verfügung. Zur Illustration können dabei Informationen aus den Kurzinterviews mit 230 Kund:innen herangezogen werden. Diese nannten 45 verschiedene Erst-sprachen und 17 verschiedene Zweitsprachen. Das sagt noch nicht viel über die konkreten lingu- istischen Praktiken auf dem Markt aus, verdeutlicht aber die sprachliche Diversität auf dem Markt. Generell wird Deutsch, die nationale Majoritätssprache, auch auf dem Markt dominant verwendet. Ergänzend spielen Türkisch, die Erstsprache vieler Verkäufer:innen und Kund:innen, als saliente Marktsprache und Englisch als internationale Lingua Franca eine wichtige Rolle in der Sprachland- schaft des Marktes. Darüber hinaus haben die Sprecher:innen Zugriff auf eine Fülle weiterer sprach- licher Ressourcen wie Arabisch, Spanisch, Italienisch etc.
Das bedeutet nicht nur, dass die Sprecher:innen im klassischen Sinne mehrsprachig sind und mehr als eine Sprache auf einem bestimmten Niveau sprechen, sondern dass Sprecher:innen auch nur einzelne Chunks aus anderen Sprachen nutzen. Beim Marktschreien, wo Verkäufer:in- nen ihre Produkte anpreisen, oder auch in Verkaufsgesprächen mit einzelnen Kund:innen grei- fen die Verkäufer:innen bspw. auf feste Formulierungen aus Sprachen zurück, von denen sie annehmen oder wissen, dass die Kund:innen diese Sprachen sprechen oder die sie als prestige- trächtig ansehen. Häufig beschränkt sich ihre Kompetenz in diesen Sprachen auf genau solche sprachlichen Routinen, die im Marktgeschehen relevant sind. Dazu gehören Grußformeln, An- redeformen, Produktnamen und Preisinformationen. Yüksel/Duman (2021) argumentieren, dass hier eine kommerzielle Funktion von Codeswitching zu beobachten ist, die den Zweck hat, Verkaufsinteraktionen positiv zu beeinflussen.5
In dieser sprachlich besonders heterogenen Umgebung finden die Sprecher:innen kreative Wege, ihre kommunikativen Ziele zu erreichen. Durch den intensiven, aber gleichzeitig lokal begrenzten Sprachkontakt lassen sich hier spannende Entwicklungen in kommunikativen Rou- tinen und in innovativen sprachlichen Mustern beobachten. Obwohl die Regeln und Grenzen einzelsprachlicher Systeme hier massiv aufgeweicht sind und ein „Alles-geht“-Prinzip zu herr- schen scheint, entwickeln sich neue Muster mit eigenen, neuen Regeln. Die Gesprächs-aus- schnitte in (5) und (6) geben davon einen Eindruck:


Der Ausschnitt aus einem Verkaufsgespräch am Stand für türkische Backwaren in (5) veran- schaulicht, wie die Sprecher:innen im Diskurs Gebrauch von ihren verschiedenen sprachlichen Ressourcen machen, um ihre kommunikativen Ziele zu erreichen. Der Verkäufer – ein Mann mittleren Alters, der in den 1990ern aus der Türkei nach Berlin gezogen ist – spricht Türkisch als Erstsprache, außerdem Arabisch, Deutsch, etwas Englisch und ein paar Phrasen aus anderen Sprachen. Die Kundin ist eine Touristin aus Spanien, sie spricht Spanisch (als Erstsprache) und Englisch. Sie und ihre Begleitung schauen sich die Böreks6an und der Verkäufer eröffnet das Verkaufsgespräch, indem er die Kund:innen auf Deutsch begrüßt. Die Kundin spricht kein Deutsch und antwortet auf Englisch mit spanischem Akzent. Der Verkäufer identifiziert den Akzent und passt sich mithilfe seiner sprachlichen Ressourcen seiner Kundin an, indem er mit einem Mix aus englischem, deutschem und spanischem Material die verschiedenen Börek-Fül- lungen aufzählt. Als die Kundin sich für eine Sorte entschieden hat, verfällt sie in ihr gewohntes sprachliches Muster und antwortet auf Spanisch (Sí, vale!). Der Verkäufer versteht sie offenbar und bietet ihr an, das Börek zu erwärmen, und die Kundin nimmt das Angebot an. Dann weist ihre Begleitung sie darauf hin, dass sie mehrmals mit dem spanischen sí geantwortet hat, und sie wechselt wieder ins Englische. Der Verkäufer versichert, dass er alles verstanden hat, und bedankt sich noch einmal auf Spanisch.
Das Beispiel in (6), das von einem Marktschreier an einem Obst- und Gemüsestand stammt, zeigt, wie die sprachlichen Ressourcen auch innerhalb eines Syntagmas integriert werden. Den Passant:innen werden hier Informationen zu einem Angebot zugerufen: die Produktbezeich- nung, eine Mengenangabe und eine Preisinformation. Der Sprecher wiederholt diese Informa- tionen und verwendet im ersten Teil der Äußerung auch Wortmaterial aus dem Türkischen, das durch Unterstreichung markiert ist, und gibt dabei den Preis sogar in der türkischen Währungs- einheit Lira an, die synonym für Euro verwendet wird. Rein grammatisch werden in solchen Äußerungen, die als sprachliche Marktroutinen im Marktschreien sehr frequent vorkommen, semantische Informationen (Produkttyp, Menge, Preis) ohne tiefere syntaktische Einbettung koordiniert, i. e. bspw. ohne Kopula, aneinander gekettet und können als Koordinationsstruk- turen analysiert werden (cf. Wiese 2019). Die Reihenfolge der einzelnen semantischen Einhei- ten ist dabei variabel.7 Auffällig ist auch, dass das Container-Nomen Schale nicht als Plural markiert wird, obwohl es nach dem Numeral üç bzw. drei steht. Dies könnte durch die häufige Verwendung von Klassifizierern wie Stückin solchen Kontexten motiviert sein, die auch vor- wiegend ohne Plural vorkommen (z. B. Brokkoli zwei Stück 1,50). Auch der Einfluss des Tür- kischen ist hier denkbar, wo Nomen nach Kardinalzahlen standardmäßig im Singular stehen.
Ein weiterer Bereich, in dem sich in der Sprachkontaktsituation auf dem Maybachufermarkt neue Muster nach klaren Regeln entwickelt haben, ist die Flexion von Adjektiven. Inwiefern hier ein neues Flexionssystem entstanden ist, stelle ich im Folgenden dar.
3 Die Adjektivverwendung auf dem Maybachufermarkt: ein eigenes System
In einem ersten, doppelten Screening8 des gesamten Audio- und Videomaterials im Umfang von 82 Stunden wurden 245 Einträge für die nicht-kanonische Flexion von Adjektiven erfasst. Spannend ist dabei, dass die Sprecher:innen hier nicht willkürliche Abweichungen von der Norm produziert haben, sondern offenbar ein neues Flexionssystem für Adjektive mit klaren Regeln nutzen: Wenn ein Adjektiv hier nach einem abweichenden Muster flektiert wird, dann bleibt es entweder unflektiert oder es erhält ein Default-e als Flexionsmorphem. Innerhalb der 245 Adjektive mit innovativer Flexion sind also die folgenden drei Flexionsmuster9 erkennbar:10



Zur besseren Quantifizierbarkeit habe ich die Adjektivverwendung der Sprecher:innen auf dem Maybachufermarkt in einer vollständig transkribierten Teilmenge der Videoaufnahmen vom Markt analysiert.11 Jene Teilmenge umfasst insgesamt drei Stunden und sechs Minuten bzw. insgesamt 10.342 Token. Dieses illustrative Korpus beinhaltet Material von allen vier Ständen (zwei Stunden vom Mokka-Stand und jeweils ca. 30 Minuten vom Brot-, Obst- und Gemüse- und dem Textilstand) und bildet so die Gesamtheit unserer Daten gut ab. Für die folgenden Analysen beziehe ich mich allerdings ausschließlich auf das deutschsprachige Material in die- sen Daten. Das umfasst rund zwei Stunden und 6.825 Token.
Insgesamt wurden im illustrativen Korpus 595 deutsche Adjektive verwendet, das sind 87,2 pro 1.000 Token, davon 207 in attributiver Verwendung (30,3 pro 1.000 Token), die für die Analyse der Flexionsmuster relevant sind.12 Von den attributiven Adjektiven wurden 87 (42%) kanonisch flektiert, 120 (58%) zeigen nicht-kanonische Flexionsmerkmale, die sich folgendermaßen auf die drei weiter oben identifizierten Flexionsmuster verteilen:
| Nicht-kanonische Flexionsmuster | Gesamt | pro 1.000 Token |
| Default-e | 45 (37,5%) | 6,56 |
| Nomen + unflektiertes Adjektiv | 2 (1,67%) | 0,29 |
| Unflektiertes Adjektiv + Nomen | 71 (59,17%) | 10,4 |
| andere | 2 (1,67%) | 0,29 |
Dominant ist hierbei die Verwendung unflektierter Adjektive vor einem Nomen (lecker Brot), die weit über die Hälfte der Fälle ausmachen. Diese deutliche Dominanz erklärt sich dadurch, dass vor allem beim Marktschreien Formulierungen häufig wiederholt werden. Dabei spielen zwei Lexeme eine besondere Rolle und machen einen Großteil dieses Musters aus: türkisch und lecker. Auf die Besonderheit dieser beiden Lexeme gehe ich in 3.2.1 und 3.2.2 genauer ein. Mehr als ein Drittel der nicht-kanonisch flektierten Adjektive werden mit einem Default-.- Morphem flektiert und zwei Adjektive stehen unflektiert hinter ihrem Bezugsnomen. Dass ich hier ein eigenes Muster annehme, obwohl die Häufigkeit im illustrativen Korpus genauso ge- ring ist wie die für die Kategorie „andere“, liegt daran, dass das Muster in den Screening-Daten der 82-stündigen Aufnahmen sehr viel häufiger verwendet wird, nämlich 23 mal (9,4%). Die Flexion mit -. wurde in den Screening-Daten bei 159 Adjektiven (64,9%) gezählt. 51 Adjektive (20,8%) blieben vor ihrem Bezugsnomen unflektiert. Die unterschiedliche Gewichtung der drei Muster kommt durch die Zählweise beim Screening zustande, wo häufige direkte Wiederho- lungen im Marktschreien nur einfach gezählt wurden. Dazu gehören v. a. Äußerungen wie le- cker Brot oder türkisch Tee. Da solche Wiederholungen im illustrativen Korpus aber vollstän- dig erfasst wurden, sind die Zahlen hier höher.
Die Regelhaftigkeit des Flexionssystems zeigt sich einerseits an der Ausprägung der drei ge- nannten Muster. Darüber hinaus lassen sich auch innerhalb des Systems bzw. für jedes Muster grammatische und kommunikative Grenzen der Variabilität erkennen. Die morpho-syntakti- schen Muster, die sich hier als kohärentes Flexionssystem etabliert haben, knüpfen dabei an typologische und innersprachliche Entwicklungen an. In kommunikativen Settings mit starkem Sprachkontakt wie hier auf dem Maybachufermarkt können solche Entwicklungen vorangetrie- ben werden. In den folgenden Abschnitten gehe ich genauer auf die drei Muster und mögliche Motivationen für ihre Entwicklung ein.
3.1 Nomen + unflektiertes Adjektiv
In diesem Muster steht ein attributives Adjektiv hinter seinem Bezugsnomen und bleibt dabei unflektiert, wie in (10)–(12).
(10) Brokkoli billig!
(11) Weintrauben lecker!
(12) Granatapfel lecker!
Es fällt hier zuerst die Wortstellung auf, denn in der Regel stehen Adjektivattribute im Deut- schen vor ihrem Bezugsnomen. Dies ist im eigentlichen Sinne aber nicht nicht-kanonisch, denn das Deutsche hält die Option für nachgestellte Adjektivattribute grundsätzlich bereit, allerdings mit Einschränkungen.13 Im Deutschen wird innerhalb einer Nominalphrase durch das Zusam- menspiel des Determinierers und des Nomens Flexionskongruenz aufgebaut, die sich jedoch auf den pränominalen Bereich beschränkt. Da das nachgestellte Adjektiv außerhalb der nomi- nalen Klammer steht, liegt es nicht im Wirkungsbereich des Determinierers und des Nomens. Dadurch wird beim Adjektiv keine Kongruenz zum Rest der Nominalklammer aufgebaut und es bleibt immer unflektiert . Diese Regel wird auch in den Marktdaten befolgt, denn auch hier werden 88,5% der nachgestellten Adjektive aus den Screening-Daten unflektiert verwendet. Generell stehen nachgestellte Adjektivattribute auch meist nach artikellosen Nomen. Zusätzlich ist dieses Muster im Deutschen auf einige wenige Textsorten beschränkt, nämlich z. B. auf Speisekarten (Forelle blau, Pommes rot-weiß), Werbetexte (Henkel trocken, Aktie gelb), die Poesie, hier v. a. in älteren Texten zu finden (Röslein rot, Hänschen klein), und Buchtitel (z. B. Deutsch diachron von Wegera 2018) bzw. Zeitungsüberschriften (cf. u. a. Dürscheid 2002; Trost 2006; Schwinn 2012; Spiekermann/Stoltenberg 2006). Darüber hinaus gibt es eine ge- schlossene Liste an Adjektiven, die unflektiert in solchen (häufig artikellosen) Substantiv-Ad- jektiv-Verbindungen stehen können (Natur pur, Fußball brutal, Urlaub total,…).14 Insgesamt sind die Kontexte, in denen dieses Muster vorkommt, jedoch sehr begrenzt.
Aus dieser Perspektive ist es nicht überraschend, dass auch im Sprachgebrauch auf dem May- bachufermarkt solche Substantiv-Adjektiv-Verbindungen vorkommen. Die Sprecher:innen wen- den dieses Muster hier jedoch in einem neuen Kontext an, in dem es eine ganz bestimmte und zentrale Funktion erfüllt. Konstruktionen wie (10)–(12) sind in den Marktdaten nämlich aus- schließlich für das Marktschreien belegt, wo Verkäufer:innen ihre Produkte den vorbeigehenden Marktbesucher:innen anpreisen. Für Verkaufsgespräche oder Small Talks sind solche Konstruk- tionen in unseren Aufnahmen nicht nachgewiesen. Darüber hinaus fällt in den Daten auf, dass dieses Muster lexikalisch stark beschränkt ist, denn solche Substantiv-Adjektiv-Verbindungen sind ausschließlich mit den Adjektiven billig und lecker dokumentiert. Dass diese beiden Lexeme im Marktschreien besonders relevant sind, liegt auf der Hand. Die Verkäufer:innen wollen ihre Produkte als günstig, aber qualitativ hochwertig anpreisen. Dabei ist es vor allem im Markt- schreien wichtig, Äußerungen auf die zentralen Informationen zu reduzieren, die von den vorbei- gehenden, potenziellen Kund:innen erfasst werden können. Dazu gehören Produktnamen, rele- vante Attribute wie lecker oder billig, ggfs. auch Preisangaben bezogen auf eine bestimmte Pro- duktmenge. In (10)–(12) sind die Äußerungen auf genau diese relevanten Informationen redu- ziert. Man könnte argumentieren, dass es sich hierbei um Kopulasätze mit fehlender Kopula han- delt. Solche Konstruktionen finden wir ebenfalls in unseren Daten, bspw. in (13), wo eine Ver- käuferin am Textilstand eine Kundin vom Material eines Kleidungsstücks überzeugen will.
(13) Die Material sehr schön.
Aber gerade im Marktschreien, wo Sprache besonders ökonomisch sein soll, sind Ausrufe mit ko- pularer Struktur wie (Die) Weintrauben sind lecker! oder (Der) Brokkoli ist billig! eher nicht zu erwarten und wahrscheinlich sogar inakzeptabel. Vielmehr lassen sich Äußerungen wie (10)–(12) als Koordinationsstrukturen interpretieren, in denen zwei Phrasen aneinandergereiht werden, ohne in eine tiefere syntaktische Struktur ein- gebettet zu werden, cf. Wiese/Schumann (2021). Das begünstigt auch die Auslassung von De- terminierern, die in allen Belegen dieses Flexionstyps stattfindet und Konstruktionen wie in (10)–(12) von (13) unterscheidet. Semantisch beziehen sich beide Argumente, i. e. das Nomen und das Adjektiv, auf denselben Referenten, in dem Falle die Weintrauben, wie (14) zeigt.15
(14) Weintrauben lecker! (WEINTRAUBE(x) & LECKER(x))
Diese Analyse schlagen Wiese (2019) und Wiese (2021b) auch für Klassifiziererstrukturen aus unseren Marktdaten vor, wo Produktnamen, eine Mengenangabe und eine Preisangabe koordiniert werden, wie in (15). Auch hier attribuieren alle Einheiten denselben Referenten.
(15) Brokkoli zwei Stück 1,50!
Derartige Konstruktionen werden ebenfalls vor allem im Marktschreien sehr frequent benutzt, sind aber auch für Verkaufsgespräche belegt, wo Kund:innen nach dem Preis eines Produkts fragen. Koordinationsstrukturen scheinen also besonders funktional in solchen kommunikati- ven Settings zu sein, wo zentrale Informationen über ein Produkt effizient kommuniziert wer- den sollen. Den Sprecher:innen stehen für die Organisation dieser Informationen verschiedene grammatische Optionen zur Verfügung, die eine effiziente Reihung von Informationen erlau- ben. Das Deutsche bietet dafür eben bspw. genau diese beiden Möglichkeiten, nachgestellte Adjektive und kopulare Sätze ohne Kopula. An der Oberfläche unterscheiden sich diese beiden Strukturen nicht. Die Entwicklung solcher Muster kann auch durch parallele Strukturen in an- deren Sprachen gestützt werden, die in der Sprecher:innen-gruppe eine zentrale Rolle spielen. Sowohl das Arabische als auch das Türkische verfügen über Nomen + Adjektiv-Verbindungen. Im Arabischen stehen Adjektive zwar generell sowohl in attributiver als auch in prädikativer Funktion postnominal, allerdings werden sie in beiden Funktionen in Kongruenz mit dem Be- zugsnomen des Attributs bzw. dem (pro-)nominalen Subjekt, dem ein Prädikat zugeordnet wird, flektiert (cf. Ryding 2005).16 Im Türkischen stehen Adjektive nur in prädikativer Ver- wendung nach dem Nomen, in attributiver Funktion davor. Dabei wird generell keine Kongru- enz zwischen Adjektiv und Nomen aufgebaut (cf. Kornfilt 2013; Göksel/Kerslake 2010). Da das Türkische auf dem Markt neben dem Deutschen besonders dominant ist, ist es gut möglich, dass die türkische Grammatik die Entwicklung des Musters im Deutschen beeinflusst.
Dieses Phänomen zeigt sehr illustrativ, wie die Sprecher:innen in einer lebendigen Sprachkon- taktsituation verschiedene Optionen aus ihrem sprachlichen Repertoire nutzen (können), um ihre kommunikativen Zwecke umzusetzen, und wie dadurch grammatische Regeln verschoben oder neu ausgehandelt werden. Ursächliche Motivationen lassen sich natürlich nicht eindeutig festlegen, aber es zeigt sich, wie sowohl innersprachliche Optionen (die auf wenige Kontexte begrenzte Möglichkeit, unflektierte Adjektive nachzustellen) als auch außersprachliche Muster (Kongruenzlosigkeit zwischen Nomen und Adjektiv im Türkischen) für die Entwicklung dieses Flexionsmusters auf dem Maybachufermarkt aufgegriffen und auf neue Kontexte angewendet werden.
3.2 Unflektiertes Adjektiv + Nomen
In einem zweiten Muster zur Adjektivverwendung auf dem Maybachufermarkt steht ein un- flektiertes Adjektiv vor seinem Bezugsnomen, wie in (16)–(18).



Die Beispielsätze stammen von unterschiedlichen Sprecher:innen an unterschiedlichen Ständen in verschiedenen Kommunikationssituationen, was darauf hinweist, dass es sich hier um ein verbreitetes Muster handelt. Im illustrativen Korpus, das aus den dreistündigen Transkriptionen besteht, sind 71 Belege für unflektierte Adjektive vor Nomen dokumentiert, was 59% der nicht- kanonisch flektierten Adjektive und 12% aller Adjektive ausmacht und damit für eine durchaus starke Verbreitung spricht. Als mögliche Motivationen für die Entwicklung dieses Musters kommen verschiedene Aspekte infrage.
Ganz grundlegend kann sich ein solches Muster schon dadurch gut etablieren, dass das Deut- sche die Option für unflektierte, attributive Adjektive in pränominaler Stellung prinzipiell be- reithält, wenn auch mit Einschränkungen.17 Das gilt beispielsweise für einige Farbadjektive wie rosa und lila .eine rosa/lila Blume), die lange als nicht-flektierbar galten, inzwischen aber eine Tendenz zur Flexion zeigen (eine rosane/lilane Blume). Ähnliche lexikalische Ausnahmen fin- den sich auch in qualifizierenden Adjektiven wie prima, klasse, super .eine prima/klasse/super Idee. *eine primane/klassene/super(n)e Idee), und auch attributive Ortsbezeichnungen auf -er bleiben unflektiert (der Berliner Dom. *der Berliner(n)e Dom). Darüber hinaus werden v. a. in Redewendungen und in der Poesie flektierbare pränominale Adjektive in attributiver Verwen- dung z. T. nicht flektiert (unser täglich Brot. gut Ding will Weile haben; cf. u. a. Dürscheid 2002; Schwinn 2012; Trost 2006; Thieroff/Vogel 2009). Vor allem in Sprachkontaktsituationen werden häufig bestehende Regeln ausgedehnt und auf andere Bereiche angewendet, was auch hier der Fall sein kann. Es gibt aber noch weitere Erklärungsansätze für die Entwicklung dieses Musters der Adjektivverwendung auf dem Maybachufermarkt.
Ein möglicher Aspekt, der die Verwendung unflektierter Adjektive begünstigen könnte, ist die potenzielle Präferenz für trochäische Rhythmen beim Sprechen. Vor allem beim Marktschreien scheint es Bemühungen um eine trochäische und parallele Struktur zu geben. Bspw. in FRIsche BROT, LECker BROT, TAze BROT wird durch die ausbleibende Flexion von leckereine paral- lele und dadurch wohlklingende Struktur zwischen den drei Phrasen erreicht, was den Ausruf besonders ansprechend und einprägsam macht.18 Auch wenn nicht alle Ausrufe einer trochäi- schen, parallelen Struktur folgen (LECker oRANgen, SÜß oRANgen), hat dieser Effekt mög- licherweise eine bestärkende Wirkung auf das Flexionsverhalten. Ich halte andere Faktoren, die ich im Folgenden diskutiere, allerdings für einflussreicher.
Zunächst fällt auf, dass alle unflektierten pränominalen Adjektive in den Marktdaten vor blo- ßen, i. e. determiniererlosen Nominalphrasen stehen. In (16) steht türkisch beispielsweise vor einem Substanznomen, in (17) ist das Bezugsnomen von lecker eine Pluralform. Sowohl Sub- stanznomen als auch Plurale stehen im Deutschen regulär ohne overten Determinierer. In (18) steht normal vor dem zählbaren Nomen Decke, das hier nicht-kanonisch ohne Determinierer verwendet wird. Vor allem für Muster wie (18) könnte sich die Regel etabliert haben, dass ohne Determinierer keine Nominalklammer und damit kein Agreement innerhalb der Klammer auf- gebaut wird, sodass das Adjektiv unflektiert bleibt. Für Adjektive vor Nomen, die standardmä- ßig mit Nullartikel stehen, wie in (16) und (17), ist dieser Erklärungsansatz nicht naheliegend. Denn hier gilt im Standarddeutschen die Regel, dass pränominale Adjektive dann sogar stark flektiert werden und determinierende Aufgaben des nicht realisierten Determinierers überneh- men, so wie es in heiße Schokolade in (16) und schöne Satsumas in (17) der Fall ist. Die Motivation für Flexion ist hier also deutlich stärker. Dass türkisch und lecker in den Beispielen aber unflektiert bleiben, scheint also nicht mit einem fehlenden Determinierer erklärbar zu sein. Stattdessen gibt es Hinweise darauf, dass diese beiden Lexeme eine Sonderrolle für die Entwicklung dieses Musters spielen.
Das zeigt sich zuerst an deren Häufigkeit. Im illustrativen Korpus wurden insgesamt 595 Ad- jektive aller Funktionen und Verwendungsweisen (attributiv, adverbial, prädikativ, isoliert) verwendet. Darunter wurde 208 Mal (35%) das Lexem leckerverwendet, ebenfalls in allen Funktionen und Verwendungsweisen. Das Adjektiv türkischwurde immerhin 60 Mal (10%) verwendet. Innerhalb der 207 attributiv gebrauchten Adjektive macht türkisch 27,5% und le- cker 10,6% aus.19 Von den insgesamt 71 Belegen für sämtliche nicht-flektierte Adjektive in Prä-Stellung im illustrativen Korpus beinhalten 42 (59,2%) türkisch als Adjektiv und 20 (28,2%) lecker. Zusammen decken diese beiden Lexeme also 87,4% dieses Musters ab.20 Dass diese beiden Lexeme hier so dominant sind, erklärt sich durch deren semantische Relevanz an den jeweiligen Ständen, wo Backwaren, Obst und Gemüse sowie Heißgetränke angeboten wer- den, die als lecker und eben häufig als typisch türkisch angepriesen werden (türkisch Mokka; türkisch Satsumas). Einige Besonderheiten dieser beiden Lexeme sowie Überlegungen zum Adjektiv normal, das in den Screening-Daten ebenfalls relativ häufig vorkommt, werden im Folgenden erörtert.
3.2.1 Das Adjektiv türkisch
Innerhalb der 42 Belege mit türkisch steht das unflektierte Adjektiv in 24 Fällen (57,1%) vor einer Getränkebezeichnung wie Mokka, Kaffee oder Tee. 17 Mal (40,5%) steht türkisch vor einer Obstbezeichnung wie Satsumas oder Mango. Der übrige Beleg ist so türkisch Art und bezieht sich auf die spezielle Zubereitung des Mokkas am Kaffeestand. Die Häufung dieses Lexems erklärt sich durch den Verkauf türkischer Spezialitäten und Produkte.21 Die Früchte, die am Obststand als türkisch angepriesen werden, stammen aus der Türkei. In einem Beleg spezifiziert der Verkäufer sogar noch genauer, dass die Satsumas aus Izmir kommen. Interes- santerweise sind in den Korpusdaten aber auch 7 Belege für türkisch-e dokumentiert, also das- selbe Lexem mit -.-Flexion, die ebenfalls alle vor Mokka, Kaffee oder Tee stehen. Genauso häufig wird türkisch mit kanonischer Flexion auf -er vor diesen Lexemen in den Korpusdaten verwendet (türkischer Mokka). Die starke Dominanz der unflektierten Verwendung dieses Le- xems im Vergleich zur nicht-kanonisch flektierten Verwendung auf -e und zur kanonisch flek- tierten Verwendung auf -er im gleichen sprachlichen Kontext deutet möglicherweise auf einen Wandel in der „Marktsprache“ hin, in dem sich die Flexion von türkisch in einem Zwischen- stadium mit parallelen Formen befindet und sich vielleicht zur Null-Flexion entwickelt.22 Mit Blick auf andere Entwicklungsprozesse, wo im Deutschen Flexion z. B. im nominalen Bereich und dort besonders beim Kasus immer weiter abgebaut wird, ist der Trend zum Flexionsabbau auch im hier beschriebenen Fall wahrscheinlich und deutet möglicherweise auf die Tendenz hin, dass Flexion im gesamten nominalen Bereich abgebaut wird. Das kann dadurch verstärkt werden, dass die Entwicklung in einem Sprachkontakt-Setting stattfindet, wo Deutsch und Eng- lisch eine dominante Rolle spielen. In beiden Sprachen gibt es das Lexem türkisch/Turkish, dass sich zwischen den Sprachen phonetisch marginal und semantisch gar nicht unterscheidet. Möglicherweise ist türkischhier als translinguales Element (Turkish)zu verstehen, das die Sprecher:innen als unflektierbares Chunk abgespeichert haben und als feste Einheit sprachüber- greifend abrufen.23 Dieses translinguale Element besetzt dann eine Stelle, an der es durch seine Bedeutung besonders relevant ist, nämlich die Position als Attribut vor Bezeichnungen für tür- kische Spezialitäten.24Durch die hohe Frequenz dieser Wortkombinationen können sie sich zu festen Einheiten weiterentwickeln, die als Ganzes mental gespeichert werden. Vielleicht errei- chen sie dann sogar einen Status als Eigen- bzw. Produktnamen.25 Diese Vermutungen können aber nur rein spekulativ bleiben.
Eine Recherche im FOLK26 ergab, dass türkisch in einer Gesamtmenge von 74 Belegen (das entspricht bei einer Korpusgröße von 2.719.948 Token durchschnittlich 0,03 pro 1.000 Token) nie unflektiert und nur 3 Mal mit nicht-kanonischer -.-Flexion verwendet wird. Im Vergleich dazu wird türkisch in den illustrativen Korpusdaten vom Maybachufermarkt insgesamt 60 Mal verwendet (das entspricht bei einem Korpusumfang von 6.825 Token 8,8 Belegen pro 1.000 Token, davon in 57 Belegen bzw. 8,4 Mal pro 1.000 Token als Adjektivattribut). Als unflek- tiertes Adjektivattribut finden wir es hier 42 Mal (6,2 Mal pro 1.000 Token). Tabelle 2 stellt die Frequenzen für die einzelnen Korpora übersichtlich dar.
| MayBaUM | FOLK | KiDKo_Mu | |
| gesamt | 8,8 | 0,03 | 0,2 |
| attributiv | 8,4 | 0,02 | 0,2 |
| unflektiert | 6,2 | 0,0 | 0,0 |
| Default-e | 1,0 | 0,001 | 0,02 |
Nun lässt sich mutmaßen, dass das Lexem in einem sprachlichen Setting, in dem Angehörige der türkisch-deutschen Community eine zentrale Rolle spielen, von größerer Relevanz ist und dadurch die generelle Häufigkeit des Lexems und folglich potenzielle Verwendungen der un- flektierten Form höher sind. Zum Vergleich bietet sich hier das Kiezdeutsch-Korpus (KiDKo) (Wiese et al. 2010–) an.27 Die Daten aus diesem Korpus stammen von jugendlichen Sprecher:innen, die im gleichen Stadtteil leben, in dem auch der Maybachufermarkt steht. Im multilingualen Subkorpus des KiDKo, das die Spontansprache mehrsprachiger Gruppen Jugendlicher aus Berlin-Kreuzberg abbildet, wird türkisch 57 Mal verwendet (das entspricht bei einer Korpusgröße von 228.000 Token 0,25 Belegen pro 1.000 Token), davon 52 Mal mit kanonischer Flexion und 5 Mal mit nicht-kanonischer -.-Flexion (z. B. so ein türkische Kanal), also 0,02 Mal pro 1.000 Token, und damit ebenfalls deutlich seltener als auf dem May- bachufermarkt, siehe Tabelle 2. Obwohl es einige Parallelen zwischen Kiezdeutsch und der Sprache auf dem Maybachufermarkt gibt, ist die Verwendung des unflektierten türkischnicht gleichmäßig verbreitet. Das liegt in erster Linie an den unterschiedlichen kommunikativen Kontexten der Korpora. Während das KiDKo verschiedenste Alltagssituationen der Sprecher:innen dokumentiert, verläuft die Kommunikation auf dem Markt größtenteils produkt- oder verkaufsbezogen.28 Dafür ist es besonders wichtig, die speziell türkische Art oder Herkunft von Produkten zu betonen, was mehr Verwendungsanlässe für das Lexem türkisch und damit auch für dessen nicht-kanonischen Gebrauch bietet.
Der Vergleich zum FOLK und zum KiDKo legt also nahe, dass es im Deutschen keine generelle Tendenz zur Nicht-Flexion dieses Lexems gibt, sondern dass hier eine sprachunspezifische Entwicklung eines Translingualismus stattfindet, der auf dem Markt lexikalisch besonders relevant ist und sogar feste Verbindungen mit bestimmten Nomen eingeht. Vor allem der Ver- gleich zu den KiDKo-Daten zeigt einmal mehr, dass das linguistische Setting auf dem Markt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung solcher Muster spielt. Das betrifft die lexikalische Relevanz bestimmter Lexeme sowie die größere sprachliche Vielfalt und die viel fluideren Settings auf dem Markt, was als Katalysator für bestimmte Entwicklungen wirken kann.
3.2.2 Das Adjektiv lecker
Das zweite Lexem, das in diesem Flexionsmuster für Adjektive auf dem Maybachufermarkt eine dominante Rolle spielt, ist lecker. Dabei ist zu erwähnen, dass von den 20 Belegen für unflektiertes lecker + Nomen 13 Belege auf die Kombination lecker Brot fallen, das zu einer ritualisierten Formel im Marktschreien eines Verkäufers am Gebäckstand gehört (frische Brot, lecker Brot, taze Brot). Die restlichen 7 Funde stehen mit anderen Backwaren (lecker Börek/ Baklava29) oder einer Obstbezeichnung (lecker Mango). Nur einmal steht lecker vor einem Nomen, das kein Lebensmittel bezeichnet (lecker Angebot30). Obwohl sich die Dominanz dieses Lexems für dieses Flexionsmuster durch die häufige Verbindung mit Brot etwas relativiert, können die grammatischen Besonderheiten, die lecker generell im umgangssprachlichen Deutschen besitzt, hier eine einflussreiche Rolle spielen. Spiekermann/Stoltenberg (2006) konstatieren im bundesdeutschen Sprachraum die zunehmende, überregionale Verwendung des unflektierten lecker vor Nomen aus verschiedenen semantischen und kommunikativen Be- reichen, wie in (19)–(21) (Belege aus Spiekermann/Stoltenberg 2006, Unterstreichungen von mir, K. S).



Spiekermann/Stoltenberg (2006) nehmen in ihrem konstruktionsgrammatischen Ansatz für sol- che Beispiele eine Konstruktion an, in der eine optional besetzbare Determiniererposition, das unflektierte Adjektiv und ein Nomen eine Phrase bilden, die dann in eine nicht näher zu be- stimmende Satzstruktur eingebunden ist. In (19) geben sie ein Beispiel, wo die Determinierer- position besetzt ist, allerdings bleibt der Determinierer genau wie das Adjektiv unflektiert. In (20) und (21) bleibt die Determiniererposition leer und dies entspricht auch dem typischeren Muster dieser Konstruktion. Auch in den Daten vom Maybachufermarkt steht das unflektierte lecker immer vor Nomen, die kanonisch oder nicht-kanonisch ohne Determinierer stehen. Für das Nomen setzen Spiekermann/Stoltenburg (2006) die Einschränkung, dass es nach dem Ad- jektiv lecker etwas Ess- bzw. Trinkbares bezeichnen muss.31 Ihre Daten beziehen die Autoren aus den gesprochensprachlichen Korpora des IDS Mannheim und stellen eine regionale Konzent- ration der Belege für diese Konstruktion fest, nämlich auf den mitteldeutschen Raum, besonders auf das Rheinland und das Ruhrgebiet. Darüber hinaus leiten sie aus ihren Daten ab, dass diese Konstruktion pragmatisch der Kontextualisierung von Informalität dient und „zur Beschreibung privater, familiärer und persönlicher Interaktionskontexte verwendet [wird]“ (Spiekermann/ Stol- tenberg 2006).
Spiekermann/Stoltenberg (2006) und auch Schwinn (2012) diskutieren den Ursprung der Ver- wendung des unflektierten lecker im Deutschen. Dazu kommen verschiedene Ansätze infrage:
Handelt es sich um ein Relikt einer in älteren Sprachstufen des Deutschen durchaus verbreiteten Bildungsweise, die im Laufe der Zeit durch eine grammatische Konkurrenzform (nämlich durch das flektierte Adjektivattribut) ersetzt wurde oder sind unflektierte Adjektivattribute Neubildun- gen und lecker nur das erste produktive Beispiel dieser sich zunehmend ausbreitenden Bildungs- weise? Liegt dialektaler bzw. fremdsprachlicher Einfluss durch die Kontaktsprache Niederlän- disch vor, in der das Lexem lekker unflektiert in sehr unterschiedlichen pragmatischen und se- mantischen Kontexten gebraucht werden kann? (Spiekermann/Stoltenburg 2006: 339)
Während Spiekermann/Stoltenburg (2006) es nicht für plausibel halten, dass dieses Phänomen durch Sprachkontakt aus dem Niederländischen ins Deutsche gekommen ist, argumentiert Schwinn (2012) für den Einfluss des Niederländischen.
Die Argumentation kann auch durch die Tatsache gestützt werden, dass lekker im Namdeut- schen ebenfalls unflektiert in unterschiedlichsten semantischen, grammatischen und pragmati- schen Bereichen verwendet wird. Namdeutsch bezeichnet eine Sprachvariante der deutschspra- chigen Minderheit in Namibia, die sich vor allem durch die Kolonialisierung im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika angesiedelt hat. Diese Varietät ist geprägt von starkem Sprachkontakt zwischen Englisch, Afrikaans, verschiedenen lokalen Sprachen wie Oshi-wambo, Otjiherero und Khoekhoegowab sowie dem Deutschen (cf. u. a. Pütz 1991; Shah 2007; Wiese et al. 2014; Zimmer 2021).32Lekker wird hier mit der im Vergleich zu ‘wohlschmeckend’ im Standarddeut- schen viel allgemeineren Bedeutung ‘schön’, ‘toll’ sowohl adverbial als auch attributiv zur po- sitiven Wertung sämtlicher Gegenstände, Ereignisse, Tätigkeiten etc. verwendet (cf. Shah 2007; Ziummer 2021).Dass dieser Gebrauch von lecker/lekker im Namdeutschen besonders oder zumindest im Vergleich zum Binnendeutschen anders ist, reflektieren auch einige Spre- cher:innen, deren Sprachgebrauch im Namdeutsch-Korpus DNam dokumentiert wurde, siehe (22).33
S1: lekker
S2: aber lekker is auch deutsch
S1: ja ich weiß aber lekker sacht man nur zu etwas was lekker schmeckt
S2: ja ok wir sagn das n lekker sonnenuntergang34
Ob die Quelle für die Entwicklung des unflektierten lecker im Deutschen tatsächlich im Nie- derländischen liegt, kann und soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Es ist aber ein- deutig, dass dieses Phänomen im binnendeutschen Sprachraum keineswegs (mehr) auf mittel- deutsche Sprachgebiete begrenzt ist. In Abbildung 1 lockt bspw. ein Berliner Lokal in seinen Biergarten und markiert durch die Verwendung des unflektierten lecker und die zusätzliche Anwendung eines phonetischen Schreibprinzips, das die /ʁ/-Vokalisierung wiedergibt, Infor- malität.

Um einen Eindruck vom Status des unflektierten lecker vor einem Nomen im Sprachgebrauch auf dem Maybachufermarkt zu gewinnen, lohnt sich ein Vergleich verschiedener Korpora. In den illustrativen Korpusdaten vom Maybachufermarkt wurde das unflektierte lecker als Attri- but vor einem Nomen 20 Mal gefunden, das entspricht bei einer Gesamtgröße von 6.825 Token einer Frequenz von 2,9 Mal pro 1.000 Token. Im DNam-Korpus, wo lecker durch seine Bedeu- tungserweiterung viel breitere Anwendungsbereiche hat, wird lecker bzw. lekker 88 Mal ver- wendet (das entspricht bei einer Korpusgröße von 224.392 Token einer Frequenz von 0,4 pro 1.000 Token), davon 10 Mal als Adjektivattribut, das wiederum nur 6 Mal unflektiert vor sei- nem Bezugsnomen steht, also 0,03 Mal pro 1.000 Token. Die Frequenz in den Marktdaten ist also deutlich höher als im DNAM-Korpus. Vergleicht man die Marktdaten bspw. auch mit den Daten des KiDKo, das ebenfalls spontanen Sprachgebrauch in Berlin abbildet, verstärkt sich der Eindruck, dass das unflektierte lecker auf dem Markt eine besondere Rolle spielt. In den Daten der einsprachigen Sprecher:innengruppe im KiDKo kommt leckerüberhaupt nicht vor. In den mehrsprachigen KiDKo-Daten wird lecker lediglich 35 Mal verwendet (1 Mal pro 1.000 Token) und davon nur 3 Mal als Adjektivattribut und nur in einem einzigen Beleg unflektiert, siehe (23). Das entspricht 0,004 Mal pro 1.000 Token.
(23) Oh lecker GUMmibärschen35
Auch im FOLK ist die Verwendung von lecker als unflektiertes Adjektivattribut nicht belegt.36
Für die Frequenzverteilungen zwischen den Korpora lassen sich verschiedene Ursachen disku- tieren. Die Korpora unterscheiden sich vor allem durch die semantischen Felder, die in den Gesprächen thematisiert werden. Während die Sprecher:innen im DNam und im KiDKo sämt- liche Bereiche des alltäglichen Lebens besprechen, fokussiert sich die Kommunikation auf dem Markt, bzw. an bestimmen Marktständen, auf Essen und Trinken – dem (zumindest im binnen- deutschen Sprachraum) semantischen Kernbereich von lecker. Hier gibt es also schlicht mehr Kontexte, in denen lecker als Attribut ausgewählt werden kann. Dadurch ergeben sich auch mehr Anlässe für die Verwendung der unflektierten Form. Dass die Frequenz im DNam aber leicht höher ist als im KiDKo, mag an der erweiterten Bedeutung von lecker/lekker im Namdeutschen liegen, durch die sich die Anwendungsbereiche ebenfalls erweitern. Es ist dar- über hinaus denkbar, dass sich durch die sprachlich hochdiversen Kontexte sowohl im Nam- deutschen als auch auf dem Markt neue, nicht-kanonische Muster besser durchsetzen und schnel- ler weiterentwickeln können.
Unabhängig davon, über welchen Pfad sich das unflektierte lecker im Deutschen entwickelt hat, ist es auch auf dem Maybachufermarkt angekommen und ordnet sich dort in ein Muster ein, wo bestimmte attributive Adjektive vor Nomen unflektiert bleiben können. Auch wenn dies zunächst hypothetisch bleiben muss, liegt die Vermutung nahe, dass die grammatische Aus- nahme leckerin diesem Kontext auch andere Bereiche beeinflusst, sodass die beschrie-benen Besonderheiten auch auf weitere Lexeme ausgeweitet werden können.
3.2.3 Das Adjektiv normal
Ein weiteres Lexem, das in diesem Flexionsmuster auffällt, ist normal, wie in (24)–(25).
(24) Das normal Decke? – Bisschen großer als normal Decke.
(25) Das ist normal Pide.
In den Daten des illustrativen Korpus kommt es zwar nicht vor und auch in den Screening- Daten wird normal nur in 5 Fällen als unflektiertes Adjektivattribut vor einem Nomen ver- wendet, trotzdem lassen sich hier interessante Punkte beobachten.
In beiden Beispielbelegen wird auf eine Standardausführung eines Objekts verwiesen. In (24) geschieht eine Abgrenzung zu einer Bettdecke mit Standardabmessungen, in (25) geht es um ein gewöhnliches Pide37, das sich durch seine Größe und Abpackungsmenge vom Ramadan-Pide unterscheidet, welches einen größeren Durchmesser hat und in höherer Stückzahl abgepackt ist. Während die Phänomene aus den letzten Abschnitten auch in breiteren Kontexten des Deutschen zu finden sind, scheint die Verwendung des unflektierten normal weniger auf eine generelle Ten- denz hinzudeuten. Im FOLK ist die Verwendung nicht belegt, und auch im KiDKo gibt es nur einen einzigen Beleg im multilingualen Subkorpus. Allerdings wirbt aber bspw. ein tür-kisches Burger-Restaurant in Brandenburg an der Havel mit zwei Fleisch- und zwei Brotsorten und attri- buiert eine dieser Brotsorten mit dem unflektierten Adjektiv normal, siehe Abbildung 2.38

Bei der Zusammenschau der Marktdaten und dieses einen Belegs vom Flyer fällt eine Gemeinsam- keit auf: Alle Belege stammen von Sprecher:innen, die neben Deutsch auch Türkisch sprechen.39 (Der Betreiber des Restaurants „FC Köfte Burger“ ist ebenfalls zweisprachig.) Das könnte darauf hindeuten, dass es sich bei der Verwendung des unflektierten normal um Transfer aus dem Türki- schen oder einen Switch ins Türkische handelt. Dort existiert das Lexem normal als Lehnwort aus dem Französischen und steht als Adjektivattribut standardmäßig unflektiert vor seinem Bezugsno- men. (26)–(27) geben Beispiele für die standardmäßige Verwendung im Türkischen.40


Es ist also denkbar, dass normal, das im Deutschen in derselben grammatischen Umgebung mit derselben Semantik verwendet wird, komplett aus dem Türkischen, i. e. mit seinen grammatischen Eigenschaften, transferiert wird. Zweifelsfrei lässt sich das nicht klären, aber es offenbaren sich dadurch zwei Erklärungsansätze für die vermehrte Verwendung dieses Phänomens.
Die nähere Betrachtung dieser drei besonders auffälligen Lexeme erlaubt eine bessere Einord- nung und Beurteilung des übergeordneten Flexionsmusters, in dem unflektierte Adjektiv-attri- bute vor Nomen stehen. Es ist offensichtlich geworden, dass lexemspezifische Besonderheiten in diesem Muster eine zentrale Rolle spielen, die zum Teil generelle Entwicklungen im Deut- schen aufgreifen (wie bspw. lecker), sich möglicherweise translingual entwickeln (türkisch), oder von anderen Sprachen beeinflusst werden (z. B. leckervom Niederländischen, normal vom Türkischen). Es bleibt dabei ungeklärt, ob es sich hier um ein zufälliges Zusammentreffen von Einzelfällen handelt, die – jeweils getriggert durch Sprachkontakt – über die Möglichkeit zur Nicht-Flexion verfügen, oder ob diese Einzelfälle die Ausprägung eines breiteren, produk- tiven Musters zur Nicht-Flexion von Adjektiven legitimieren. Es ist denkbar, dass die stärkere Konzentration von Adjektiven, die, motiviert durch ganz unterschiedliche Aspekte, auch un- flektiert vor einem Nomen stehen können, hier in diesem sprachlich heterogenen und für Wan- delprozesse offenen Setting wie ein Brennglas funktioniert und möglicherweise die Ausbrei- tung dieses Musters auf andere Lexeme entfacht. Ob diese Entwicklung dann ein Spezifikum der Maybachufermarktsprache bliebe oder auch in andere Bereiche des Deutschen überginge, muss hier offenbleiben.
3.3 Default-.
In einem dritten innovativen Flexionsmuster, das sich auf dem Maybachufermarkt für attribu- tive Adjektive etabliert hat, werden diese unabhängig von Numerus, Genus und Kasus ihres Bezugsnomens und dem Vorhandensein bzw. der Art eines Determinierers mit einem -.-Mor- phem markiert, wie in (26)–(28).
(26) Das ist Kranz, ein syrische Kranz.
(27) Bitteschön, türkische Mokka, schwarze Tee, Ingwertee, frische Minztee.
(28) Haben Sie schöne Cappy, Madame!
Im Standarddeutschen herrscht die Regel, dass innerhalb einer DP entweder der Determinierer oder ein Adjektiv – falls vorhanden – bzgl. Numerus, Kasus und Genus des Nomens markiert werden muss. Übernimmt diese Aufgabe der Determinierer als Definitartikel, wird das Adjektiv schwach mit -. oder -en flektiert. Steht ein Indefinitartikel, der das Genus aufgrund formaler Am-biguität nicht zuverlässig markiert (ein BaumMASK vs. ein HausNEUT), oder gar kein Deter- minierer, müssen Numerus, Kasus und Genus am Adjektiv markiert werden und es wird stark flektiert, siehe Tabelle 3.
| Starke Flexion | ||||
| Singular | Plural | |||
| Maskulinum | Neutrum | Femininum | ||
| Nom | lecker-er Kaffee | lecker-es Brot | lecker-e Kiwi | lecker-e Kekse |
| Akk | lecker-en Kaffee | lecker-es Brot | lecker-e Kiwi | lecker-e Kekse |
| Dat | lecker-em Kaffee | lecker-em Brot | lecker-er Kiwi | lecker-en Kekse |
| Gen | lecker-en Kaffees | lecker-en Brotes | lecker-er Kiwi | lecker-er Kekse |
| Schwache Flexion | ||||
| Singular | Plural | |||
| Maskulinum | Neutrum | Femininum | ||
| Nom | der lecker-e Kaffee | das lecker-e Brot | dielecker-eKiwi | dielecker-enKekse |
| Akk | den lecker-en Kaffee | das lecker-e Brot | dielecker-eKiwi | dielecker-enKekse |
| Dat | demlecker-enKaffee | demlecker-enBrot | derlecker-enKiwi | den lecker-en Kek-sen |
| Gen | deslecker-enKaffees | deslecker-enBrotes | derlecker-enKiwi | derlecker-enKekse |
In den Daten vom Markt werden auch Adjektive in DPs ohne Determinierer oder mit Indefinit- pronomen mit unspezifischem -. flektiert. In (26) steht syrische zwischen einem Indefinitartikel und einem maskulinen Nomen, ist selbst aber nicht als maskulin markiert. In (27) und (28) stehen die Adjektive jeweils vor einem bloßen Nomen ohne Determinierer, tragen aber eben- falls keine Genusinformation.
Insgesamt enthalten die Screening-Daten vom Maybachufermarkt 159 Belege für nicht-kano- nisch flektierte attributive Adjektive mit -. vor Nomen. In den Daten des illustrativen Korpus sind es 45 Belege und damit 37,5% aller nicht-kanonischen und 21,7% aller Adjektive. Davon stehen 5 Adjektive (11,1%) zwischen einem Determinierer und einem Nomen. Innerhalb dieser Gruppe stehen nur 2 Adjektive nach einem Definitartikel, der die Genusmarkierung über- nimmt. 3 Adjektive stehen nach einem Indefinitartikel und weichen dabei von der standard- deutschen Regel ab, die Genusmarkierung dann zu übernehmen, wie in (26). 34 Adjektive (75,6%) stehen vor kanonisch bloßen NPs, wie in (27), 1 Beleg (2,2%) vor nicht-kanonisch bloßen NPs wie in (28). Insgesamt stehen also 40 (88,9%) der Adjektive mit nicht-kanonischer -.-Flexion vor Nomen ohne Determinierer, wo die Genus- und Kasusmarkierung im Standard- deutschen ebenfalls dem Adjektiv zufallen würde.41 Stattdessen wählen die Sprecher:innen hier aber das unspezifische Default-Suffix -.. Die Wahl dieses Suffix wird sehr wahrscheinlich dadurch motiviert, dass -. und -en die unspezifischsten Suffixe des deutschen Flexionssystems sind (cf. dazu auch Wegener 1995; Auer/Siegel 2021).42 -. und -en sind auch die einzigen Suffixe, die im Flexionssystem über alle Wortarten hinweg verbreitet sind (cf. Eisenberg 2000: 173f.). Im Deklinationsparadigma deutscher Adjektive stellen sie die häufigsten Types dar, siehe Tabelle 3. In der schwachen Flexion stehen überhaupt nur -. (in 5 Positionen) und -en (in 11 Positionen) als Flexionsmorpheme zur Verfügung. Im Paradigma der starken Flexion stehen beide Morpheme in jeweils 4 Positionen und belegen somit die Hälfte der 16 Felder, obwohl insgesamt 5 verschiedene Suffixe zur Verfügung stehen.
Es ist naheliegend, dass die typbezogene Dominanz dieser Formen sich auch in den konkreten Token und damit in der allgemeinen Gebrauchsfrequenz widerspiegelt. Für das Suffix -., das in den Marktdaten als ein Default-Flexionsmorphem für Adjektive genutzt wird, lässt sich das gut an einer Korpusrecherche zeigen. Lässt man sich im FOLK die 10 häufigsten Adjektive ausgeben und schaut sich an, mit welchen Flexionsformen sie benutzt werden, ergibt sich ein eindeutiges Bild. Die konkreten Formen jedes einzelnen Lexems werden in 40–50% der Fälle mit -. oder -en gebildet. Von insgesamt 13.414 transkribierten Formen der 10 häufigsten Adjektive werden 5.296 Formen mit -. gebildet, das entspricht 39,5%. Die restlichen knapp 60% verteilen sich auf 6 wei- tere Formen, nämlich die unflektierte Verwendung und 5 weitere Flexionssuffixe. Das verdeut- licht, wie dominant -. als Adjektivflexiv im sprachlichen Input ist.
Wie stark die Adjektivflexion mit dem Default-. auf dem Markt etabliert ist, zeigt sich auch daran, dass es sogar schriftsprachlich auf Schildern verwendet wird, die die Kund:innen über angebotene Produkte informieren, wie in Abbildung 3. An diesem Schild zeigen sich gleich mehrere interessante Phänomene. Neben der Übernahme der nicht-kanonischen Adjektivfle- xion in die Schriftsprache wird auch hier die /ʁ/-Vokalisierung verschriftlicht und ähnlich wie in Abbildung 2 auch das Kompositum (Ingwertee) durch ein Spatium graphematisch aufgespal- ten. Auch die Mehrsprachigkeit des Marktes schlägt sich typographisch auf dem Schild nieder, da auch in den deutschen Lexemen die /ɪ/-Phoneme mit dem Graphem <İ> realisiert werden, das auf die Alphabete von Turksprachen beschränkt ist.43

Dieses Flexionsmuster wird nicht nur auf dem Maybachufermarkt verwendet, sondern wurde schon für verschiedene andere Kontexte beschrieben. In der Spracherwerbsforschung wird dar- über berichtet, dass sowohl im monolingualen Erstspracherwerb als auch im simultanen bilin- gualen Spracherwerb und im sukzessiven kindlichen Zweitspracherwerb schwache Adjektiv- flexionsmuster auf -. übergeneralisiert werden und erst später die starke Flexion erworben wird, die in entsprechenden Kontexten die abweichende -.-Flexion ablöst. Das wird zum einen auch mit Frequenzeffekten im sprachlichen Input erklärt und zum anderen dadurch, dass das Adjek- tiv erst später als potenzieller Träger grammatischer Information erkannt wird (einen Überblick über diese Forschungsrichtung gibt Binanzer 2017). Die Übergeneralisierung der schwachen Flexion ist auch für den Erwerb des Deutschen als Fremdsprache und den ungesteuerten Deutscherwerb erwachsener Lerner bekannt (cf. u. a. Wegener 1995; Binanzer 2017).
Darüber hinaus gibt es auch Befunde für dieses Muster im Kontext multiethnischer Jugendspra- chen. Wiese/Pohle (2016) belegen die Verwendung des Default-. im KiDKo und finden dort Belege sowohl im multi- als auch im monolingualen Teil der Korpus.44 Auch wenn mehrspra- chige Jugendliche das Muster häufiger verwenden, weist dies doch darauf hin, dass dieses Muster nicht auf den Gebrauch im mehrsprachigen Kontext beschränkt ist, sondern auch in einsprachigen Settings verwendet wird. Hierzu fehlen meines Wissens allerdings entsprechende Analysen.
Auer/Siegel (2021) beobachten die Verwendung eines Default-.-Morphems auch im Sprach- gebrauch einer mehrsprachigen Gruppe Jugendlicher in Stuttgart, und zwar in DPs sowohl mit als auch ohne Determinierer, wobei der Anteil in den bloßen NPs deutlich höher ist. Während die Sprecher:innen in DPs mit Determinierer nur in 8 von 90 Fällen (8,9%) eine nicht-kanoni- sche -.-Flexion für ein attributives Adjektiv wählen, nutzen sie das Default-. in den DPs ohne D in 51 von 129 Fällen (39,5%).45 Auer/Siegel (2021) sehen in den Daten die Strategie der Sprecher:innen, das -.-Morphem so häufig wie möglich anzuwenden, unabhängig von Genus und Kasus des Nomens. Sie analysieren es als Passe-Partout-Morphem, das nur noch die Funk- tion hat, die attributive Funktion von Adjektiven zu markieren. Diese Interpretation lässt sich nicht auf die Beobachtungen in den Marktdaten übertragen. Zwar mag die Funktion des -.- Morphems dieselbe sein – nämlich die attributive Funktion des Adjektivs zu markieren – aller- dings ist in den Marktdaten ein anderes Flexionsmuster für Adjektive dominanter. Während die Flexion mit dem Default-. in 21,7% aller attributiven Adjektive im illustrativen Korpus ver- wendet wird, werden sogar 35,3% aller attributiven Adjektive unflektiert gebraucht (34,3% in Prä-Stellung, 1% in Post-Stellung). Das spricht dafür, dass für die Sprecher:innen auf dem Markt nicht nur eine Strategie zur Markierung von Adjektiven zentral ist, sondern dass hier verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, z. B. die lexemspezifischen Besonderheiten, die ich in den vergangenen Kapiteln für türkisch, lecker und normalbeschrieben habe.
Zusammengenommen handelt es sich bei der Default-.-Flexion an Adjektiven um ein Phäno- men, das sich mutmaßlich auf Aspekte des Spracherwerbs zurückführen lässt. Ein Großteil der Belege aus den Markdaten lässt sich Sprecher:innen zuordnen, für die wir umfangreiche Hin- tergrundinformationen haben und über die wir wissen, dass sie nach ihrer Immigration nach Deutschland ungesteuert Deutsch gelernt haben. Für die einzelnen Sprecher:-innen kann es sich hierbei also um ein Lernerphänomen handeln, das sich dann aber in dem hochdiversen Setting auf dem Maybachufermarkt, das generell sehr offen für die Entstehung neuer Muster ist, verfestigt und möglicherweise Teil einer Marktsprache wird, die auch von Sprecher:innen gespro- chen wird, die Deutsch nicht ungesteuert als Erwachsene gelernt haben. Die Zahlen aus dem illustrativen Korpus zeigen, dass einige Sprecher:innen auch über Formen verfügen, die aus standardsprachlicher Sicht kanonisch sind. Immerhin wurden dort 42% aller Adjektive kano- nisch flektiert. Dass die -.-Flexion also nicht ausschließlich als Teil einer Lernervarietät be- schrieben werden kann, zeigen auch die Befunde in Auer/Siegel (2021) und Wiese/Pohle (2016), wo das Muster für Sprecher:innen belegt ist, die in Deutschland geboren sind und Deutsch entweder als einzige oder neben einer oder mehreren anderen Sprachen seit ihrer Kind- heit erworben haben. Vielmehr scheint es auch hier so zu sein, dass die Variation auf dem May- bachufermarkt kein isoliertes Phänomen abbildet, sondern eine Tendenz aufgreift, die auch in anderen Bereichen des Deutschen beobachtet wird.46
Für die Adjektivflexion auf dem Maybachufermarkt lässt sich zusammenfassen: Wenn die Spre- cher:innen in unseren Daten innovative Flexionsmuster für Adjektive produzieren, dann lassen sie die Adjektive entweder unflektiert oder sie verwenden ein Default-.-Morphem als Flexionsmarker.
4 Zusammenfassung
In diesem Aufsatz habe ich gezeigt, wie im Sprachgebrauch auf dem Maybachufermarkt ein Flexionssystem für Adjektive mit eigenen Regeln entstanden ist. Neben ganz gewöhnlichen, kanonischen Flexionsmustern haben sich hier drei weitere Muster etabliert, nämlich unflektierte Adjektive vor oder nach ihrem Bezugsnomen und die Flexion mit einem Reduktionsmorphem
Grundsätzlich bleiben nachgestellte Adjektive immer unflektiert. Dieses Muster ist auf die Verwendung im Marktschreien begrenzt und es werden hier ausschließlich anpreisende At- tribute verwendet (lecker; billig; süß;…).
Stehen nicht-kanonisch flektierte Adjektive in bloßen Nominalphrasen, bleiben sie entwe- der endungslos oder erhalten ein -e als Flexionsmorphem (lecker Brot; frische Brot).
In Prä-Stellung stehen unflektierte Adjektive nur vor Nomen, die kanonisch (Substanzno- men, Plurale) oder nicht-kanonisch (singuläre Zählnomen) ohne Determinierer stehen (le- cker Satsumas47; türkisch Tee; normal Decke).
Wenn Adjektive mit einem nicht-kanonischen Flexionsmorphem versehen werden, ist dies unabhängig vom grammatischen Kontext ein Default-e (schwarze Tee).
Diese Entwicklungen werden durch innersprachliche und sprachübergreifende Faktoren moti- viert. Innersprachliche Muster, die im Deutschen auf konkrete grammatische Kontexte be- schränkt sind, werden in anderen, neuen Bereichen angewendet. So sind in den Daten vom Maybachufermarkt unflektierte nachgestellte Adjektive zu finden (Brokkoli billig), die es im Standarddeutschen sonst nur in wenigen Bereichen wie in Produkt- und Speisebezeichnungen (Aktie gelb, Forelle blau) und in poetischer Sprache (Röslein rot) gibt. Im Sprachgebrauch auf dem Maybachufermarkt wird dieses Muster auf das Marktschreien ausgedehnt, wo Produkte angepriesen werden, und erweist sich dort als besonders ökonomisch. Ähnlich verhält es sich auch mit unflektierten Adjektiven, die vor ihrem Bezugsnomen stehen. Solche Muster findet man im begrenzten Maße ebenfalls im Deutschen, bspw. mit nicht flektierbaren Adjektiven wie prima, klasse, super oder aber auch mit flektierbaren aber unflektierten Adjektiven in der Poesie und in Redewendungen (unser täglich Brot gib uns heute). Hinzu kommen Entwicklungen wie die Verwendung des unflektierten lecker, das im Deutschen überregional (und auch außerhalb des Binnendeutschen im Namdeutschen) zu beobachten ist und sich auch auf dem Markt etab- liert hat und dort möglicherweise die Flexionslosigkeit in weiteren Kontexten legitimiert. Auch die Flexion mit dem Reduktionsmorphem -e .frische Brot) findet Unterstützung für seine Do- minanz im standarddeutschen Flexionssystem für Adjektive (und andere Wortarten), was – v. a. unter Lerner:innen – häufig übergeneralisiert wird. Die Ausprägung solcher Entwicklungen kann auch durch sprachübergreifende Einflüsse motiviert oder verstärkt werden. So ist es denk- bar, dass die Sprecher:innen in mehrsprachigen Kontexten bestimmte grammatische Regeln und Muster aus anderen Sprachen transferieren und auf deutschsprachiges Material anwenden. So könnte bspw. die Möglichkeit, im Türkischen nachgestellte unflektierte Adjektive zu ver- wenden (auch wenn sie dort nur in prädikativer Verwendung so erscheinen), auch das Muster auf dem Maybachufermarkt beeinflussen. Einen ähnlichen Effekt habe ich – mit stärkerem Be- zug zu einem konkreten Lexem – für türkisch als unflektiertes vorangestelltes Adjektiv beschrie- ben, das sich unter dem Einfluss des Englischen auf dem Maybachufermarkt mutmaßlich zu ei- nem translingualen Element entwickelt hat und wie sein englisches Pendant unflektiert bleibt.
Anschließend an diese Beobachtungen stellt sich die Frage, ob es sich bei der Etablierung dieses Verwendungssystems für Adjektive auf dem Maybachufermarkt um ein isoliertes grammatisches Sprachwandelphänomen handelt, oder ob es Teil eines größeren Systems, bspw. einer Marktspra- che ist.
5 Ausblick: Isoliertes Wandelphänomen oder Teil einer „Marktsprache“?
Dieses eigene Flexionssystem für Adjektive, das ich hier beschrieben habe, gehört zu einer ganzen Reihe von wiederkehrenden sprachlichen Mustern und linguistischen Praktiken, die im Sprachgebrauch auf dem Maybachufermarkt auffallen. Dazu zählen bspw. die weiter oben be- reits erwähnte Verwendung bestimmter Klassifiziererkonstruktionen (Brokkoli zwei Stück 1,50) sowie die Tendenz, dass Nomen zur Bezeichnung zählbarer Einheiten transnumerale Eigen- schaften übernehmen (Mango Schale 1 Euro), cf. dazu Wiese (2019). Ein weiterer grammati- scher Bereich, in dem Variation sehr systematisch auftritt, ist die Auslassung der Kopula sein. Es scheint, als könne sein in prädizierenden Kopulasätzen unrealisiert bleiben (z. B. Ware nicht da), jedoch nicht in spezifizierenden Kopulasätzen (Das ist frische Blätter-teig), cf. Schumannet al. (2021). Im lexikalischen und ethnolinguistischen Bereich nutzen die Sprecher:innen ei- gene Konventionen zur Personenanrede. Sie sprechen Personen mit Anredeformen verschiede- ner Sprachen an (Abla, türk. ‚ältere Schwester‘; Habibi, arab. ‚meine Liebe/mein Lieber‘; junge Dame. Madame). Welche Anredeform die Sprecher:innen wählen, hängt weniger von der ei- gentlichen Kommunikationssprache ab, sondern vielmehr von der Einschätzung der Spre- cher:innen bzgl. der sozialen Identität und ethnischen Zugehörigkeit der adressierten Person, die sie aus dem Erscheinungsbild, der Kleidung und dem sozialen und sprachlichen Verhalten ableiten, cf. dazu Schulte/Duman (2019) und Duman Çakır (i. Dr.). Ein weiteres Phänomen, das Teil der Sprache auf dem Maybachufermarkt ist, beschreiben Yüksel/Duman (2021) als kommerzielles Codeswitching. Auch hier spielt die angenommene soziale/ethnische Identität des:r Kommunikationspartners:in eine zentrale Rolle. Sprecher:innen verwenden Material aus Sprachen, von denen sie entweder denken, dass die adressierte Person sie spricht, oder die als prestigeträchtig gilt. Die entsprechenden Ausdrücke beschränken sich dabei häufig auf die sprachlichen Routinen auf dem Markt und beinhalten Grußformeln, Anredeformen und Zahlen. Dabei verfolgen die Sprecher:innen das Ziel, die Verkaufsinteraktion positiv zu beeinflussen. In der Hoffnung, eine Passantin zum Stand zu locken und sie zum Kauf zu bewegen, ruft bspw. ein Verkäufer mit Arabisch als Erstsprache dieser Passantin, die er als Türkischsprecherin ein- schätzt, zu: „Gel Abla gel! Angebot, Angebot, Angebot! Almanya-Ware on Euro!“ (Gel, türk‚ komm‘, Abla, türk. ‚ältere Schwester‘; Almanya, türk. ‚Deutschland‘, on, türk. ‚zehn‘). All diese Variationsphänomene treten nicht zufällig auf, sondern ergeben systematische Muster. Es scheint sich hier eine marktspezifische Varietät entwickelt zu haben, die Wiese (2020) als ur- banen Marktjargon beschreibt, den sie definiert als
integrative linguistic practice characterised by (a) access to a spatially determined, but principally open range of linguistic resources and (b) a liberal use of individual ad hoc solutions, but at the same time (c) guided by local customs of language choice and language dominance and (d) cen- tering around a shared core of recurring patterns. (Wiese 2020)
Anschließend an diese Verortung als Jargon eröffnen sich weiterführende Fragestellungen für zukünftige Forschungsarbeiten. So wäre es bspw. spannend zu untersuchen, ob es eine über- geordnete Marktsprache gibt – oder zumindest eine Teilmenge linguistischer Praktiken – die auf verschiedenen Märkten genutzt wird, ober ob sich solche Jargons tatsächlich spezifisch entsprechend der lokalen Gegebenheiten auf jedem einzelnen Markt entwickeln. Welchen Sta- tus haben solche Jargons aus grammatiktheoretischer Perspektive und wie lassen sich die gram- matischen und sozio-/ethnolinguistischen Beobachtungen dieser Studie theoretisch verbinden und bspw. in eine Theorie zum mentalen Lexikon einbinden? Wie sind solche Varietäten mental repräsentiert? Durch die Forschung zu solchen Varietäten können neue Einblicke in sämtliche linguistische Bereiche gewonnen werden.
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